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inklusiv Interview mit Annemarie Nuwenhoud, My-Plan-Entwicklerin

Niederlande: Der My-Plan-Ansatz

Peer-Coaching kann Neuzugewanderte bei der Verbesserung ihrer berufsbezogenen Sprachkenntnisse unterstützen, indem es das Bewusstsein sowie das eigenständige Lernen fördert.

Ausgangslage/Herausforderung

Nachdem in den letzten Jahren Deutschland und andere Länder vermehrt Neuzugewanderte aufgenommen haben, wurde viel ausprobiert, um die Integrationshilfe flexibler, individualisierter und nachhaltiger zu gestalten. Dabei sind die Grenzen traditioneller Ansätze beim Sprachtraining deutlich geworden. Ein reiner Präsenzunterricht reicht bei weitem nicht aus, um den immer unterschiedlicheren Profilen, Bedürfnissen und Vorhaben Neuzugewanderter gerecht zu werden. Des Weiteren stehen Sprachkurse manchmal in Konflikt mit beruflichen Zielen, denn vielen Arbeitgebenden fällt es schwer, ihre Angestellten für Präsenzkurse freizustellen.

Klassische Sprachkurse sind ein wichtiges Element der Integrationsarbeit. Es könnte aber von Nutzen sein, sie mit individualisierteren Ansätzen aufzuwerten – insbesondere mit solchen, die den Lernenden ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Verantwortung bereiten. Die Tätigkeiten des Alltags, insbesondere des beruflichen Alltags, bieten mannigfaltige informelle Chancen für Neuzugewanderte, die Sprache des Aufnahmelandes zu erwerben. Allerdings sind nicht alle dazu in der Lage, diese Chancen auf Anhieb zu erkennen und zu ergreifen: Beispielsweise fehlt es Menschen mit niedrigem formellem Bildungsgrad oft am Bewusstsein und an den Mitteln, das eigene Lernen selbst in die Hand zu nehmen.

Nichtdirektives Coaching und „My Plan“

2016 wurde die niederländische Programmentwicklerin, Lehrkraftausbilderin und Lehrerin Annemarie Nuwenhoud von einem niederländischen Sprachtrainingsunternehmen angestellt, um einen Sprachkurs zu unterrichten. Der Kurs richtete sich an Migrantinnen und Migranten, die zu der Zeit als Reinigungskräfte im Großraum Amsterdam arbeiteten. Die Teilnehmenden besaßen sehr rudimentäre Niederländischkenntnisse und der auf die berufsbezogene Sprache ausgerichtete Kurs war auf eine relativ kurze Dauer von 60 Stunden über vier Monate ausgelegt. Annemarie befürchtete, dies könne für die Sprachlernenden zu wenig Zeit sein, um ihre Ziele zu erreichen, und entschied sich, Coaching ins Spiel zu bringen. So ging es mit „My Plan“ los.

My Plan basiert auf nicht-direktivem Coaching. Im Gegensatz zu klassischem Unterricht oder direktivem Coaching, bei der die Lehrkraft/der Coach den Lernprozess strukturiert und steuert, ist ein nicht-direktiver Coach hauptsächlich eine Vermittlerin bzw. ein Vermittler. Der Coach hilft den Lernenden, ihre Lernziele in konkrete, praktische Aufgaben umzuformulieren. Die Lernenden können dann einen geeigneten Handlungsplan entwickeln, um diese Aufgaben zu lösen. Grundlage des nicht-direktiven Lernens ist ein Gespräch, bei dem mittels bestimmter Fragen der Ausgangspunkt, die Ziele und die dafür notwendigen Lösungsansätze der Lernenden ermittelt werden. Durch diese Gespräche gewinnen die Lernenden Erkenntnisse und werden eigenständiger, indem sie ihre Strategien und ihren Fortschritt reflektieren.

Bei der Entwicklung von My Plan traf Annemarie Nuwenhoud einige wichtige Entscheidungen, um das klassische nicht-direktive Coaching auf die Bedürfnisse von Sprachlernenden mit geringen Sprachkenntnissen anzupassen. So machte sie zum Beispiel den Kursinhalt weniger abstrakt und stattdessen praxisnäher. Daraus entstanden drei Fragenkataloge: Wöchentlich unterhielt sich der Coach mit den Teilnehmenden, um Fragen bezüglich der anstehenden Lernziele zu klären und die Fortschritte zu besprechen. Zusätzlich wurden alle paar Monate die langfristigen Pläne auf der Grundlage entsprechender Fragen besprochen. Zum Beispiel entschied sich ein nigerianischer Einwanderer, der als Reinigungskraft arbeitete, dazu, Busfahrer zu werden. Er stellte fest, dass er dafür erst in seinem damaligen Job seine niederländischen Sprachkenntnisse verbessern und dann, im zweiten Schritt, seinen Führerschein machen müsse.

Peer-Coaching ist ein weiteres Schlüsselmerkmal von My Plan. Am Anfang unterstützt der Coach die Lernenden. Doch nach und nach erlischt diese Hierarchie und die Teilnehmenden fangen an, sich gegenseitig zu coachen. Diese Übertragung von Coaching-Fähigkeiten spielt auf eine Lernstrategie an, die Menschen sehr früh im Leben erwerben und die unabhängig ist von Bildungsniveau oder kulturellem Hintergrund: Lernen durch Beobachtung. Ein ausschlaggebender Vorteil des PeerCoachings bei der Arbeit mit Neuzugewanderten besteht darin, dass es Teilnehmenden die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Werte, Normen, Orientierungen und Ansätze in den Prozess einzubringen. Dadurch wird die sehr westliche Methodologie des Coachings interkulturell sensibler und zugänglicher.

My Plan führte zu einer Steigerung des (Selbst-)Bewusstseins und nährte ein Solidaritätsempfinden unter den Teilnehmenden. Im Vergleich zu Gruppen, die ausschließlich an Sprachkursen ohne Coaching teilnahmen, entwickelten die Lernenden realistischere Vorstellungen davon, was es braucht, um eine Sprache zu lernen, und fingen auch an, aktiver Lernchancen außerhalb des Klassenzimmers zu suchen. Auch der interaktive Charakter von Peer-Coaching hatte positive Auswirkungen: Das Führen echter Gespräche über Dinge, die ihnen wichtig waren, stellte sich für die Lernenden als einfache und dennoch auffallend effektive Möglichkeit heraus, die Zielsprache zu lernen.

Zusammenfassung

Für Neuzugewanderte ist es entscheidend, dass sie die für eine berufliche Tätigkeit im Aufnahmeland notwendige Sprache lernen, um am dortigen Arbeitsmarkt teilnehmen zu können – jedoch reichen Kurse allein oft nicht aus. Als Zusatz zum Präsenzunterricht können My Plan und ähnliche Ansätze das Bewusstsein von Lernenden stärken, wann, wo und mit wem sie die Sprache bei der Arbeit üben können. Durch das Schaffen von Autonomie und den Erwerb von Lernstrategien kann nicht-direktives Coaching Neuzugewanderte widerstands- und anpassungsfähiger machen. Gleichzeitig entsteht durch Peer-Coaching ein Solidaritätsempfinden sowie ein sicherer Ort, an dem Lernende verschiedener kultureller Hintergrunde im Hinblick auf ihre Stärken, Motivationen und Ziele selbstbewusster werden können.

Zielgruppen:

Lehrkräfte für berufsbezogene Sprache, Zweit-/Fremdsprachenlehrkräfte, Arbeitgebende, Projektkoordinierende, Entscheidungstragende in der Integrationspolitik

Zusammenfassung:

My Plan nutzt einen nicht-direktiven Peer-Coaching-Ansatz, um Neuzugewanderten bei der Entwicklung ihrer Kompetenzen in der Sprache des Aufnahmelandes zu helfen, insbesondere bei der berufsbezogenen Sprache.

Modellentwicklerin:

Annemarie Nuwenhoud, Programmentwicklerin und Lehrerin, Mitglied im European Language for Work Network.

Weiterführende Literatur:

A. Nuwenhoud (2018). “The My Plan Approach”, verfügbar unter: languageforwork.ecml.at

A. Braddell (2017): Citizens’ Curriculum guide to Non-directive coaching. Leicester: L&W Learning and Work Institute