„Abhängigkeiten im Arbeitsverhältnis sind ein echtes Problem.“

Christiane Tenbensel berät zugewanderte Arbeitnehmer*innen im IQ Projekt Faire Integration. Im Interview erklärt sie, mit welchen Anliegen sich Ratsuchende aus der Pflegebranche an sie wenden.

Sie informieren und beraten zugewanderte Arbeitnehmer*innen in Dortmund zu arbeits- und sozialrechtlichen Fragestellungen. Wie kam es dazu?

Christiane Tenbensel: Ich habe einen langen Werdegang im Gesundheitswesen hinter mir. Meine eigentliche Profession ist Pflegekraft, ich bin examinierte Krankenschwester. Ich habe sehr lange Pflegende ausgebildet. Von der Berufsvorbereitung bis zur Vertretung einer Professur war alles dabei. Auch habe ich für die Gewerkschaft ver.di gearbeitet und Beschäftigte aus dem Gesundheitssektor unterstützt, für bessere Arbeitsbedingungen und gute Löhne zu kämpfen. Dann habe ich angefangen, ehrenamtlich mit Geflüchteten in Dortmund zu arbeiten und so bin ich auf die wichtige Arbeit von Faire Integration aufmerksam geworden.

Sie beraten viele Menschen aus der Pflegebranche. Was sind die Themen und Probleme, mit denen die Ratsuchenden zu Ihnen kommen?

Tenbensel: Es gibt unterschiedliche Problemlagen, mit denen sich Menschen an mich wenden. Generell ist ja bekannt, dass in der Pflegebranche schwierige Arbeitsbedingungen vorherrschen und der Job psychisch und physisch sehr belastend ist. Das gilt für alle Pflegekräfte. Ausländische und angeworbene Pflegekräfte werden dann aber nochmal vor besondere Herausforderungen gestellt.

Welche sind das?

Tenbensel: Probleme haben wir vor allem bei bestimmten Vertragskonstellationen mit den Vermittlungsagenturen und den Arbeitgeber*innen. Teilweise werden für die Vermittlung hohe Summen von mehreren Tausend Euro von den Menschen verlangt. Das ist für jemanden, der oder die nur eine Ausbildungsvergütung erhält natürlich viel Geld. Auch verpflichten sich angeworbene Pflegekräfte häufig, für eine bestimmte Zeit in einem Arbeitsverhältnis zu bleiben und ihre Aufenthaltserlaubnis ist an einen bestimmten Arbeitgeber gekoppelt. Das verursacht Abhängigkeiten und ist in Kombination mit schlechten Arbeitsbedingungen ein echtes Problem.  Hier ist auch oft die Wohnsituation betroffen. Wohnungen werden teilweise von der Vermittlungsagentur oder dem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt, nicht selten mit hohen Mieten. Auch das bringt die Menschen in eine Abhängigkeit. Das Thema der Vermittlungsagenturen ist komplex. Aus diesem Grund haben wir auf unserer Website der Fairen Integration ein FAQ diesem Thema gewidmet.

Inwiefern ist die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse eine Herausforderung?

Tenbensel: Wenn Pflegekräfte einen Antrag auf Anerkennung ihrer ausländischen Qualifikation stellen, dann bekommen sie in vielen Fällen einen Defizitbescheid, in dem genau steht, was noch an Qualifikationen benötigt wird, um eine vollständige Anerkennung zu erhalten. Hier müssen sich die Pflegekräfte dann weiter qualifizieren und einem Plan der zuständigen Anerkennungsstelle folgen. Aber natürlich sind sie darauf angewiesen, dass die Kliniken hier richtig anleiten und auch dem Lehrplan folgen. Das ist nicht immer gegeben. Hinzu kommt, dass beim Klinikpersonal oftmals Unkenntnis darüber herrscht, dass ausländische Pflegekräfte einen ganz anderen Background und eine andere Ausbildung absolviert haben. Das fängt schon bei den Geräten und Materialien an, die im Ausland benutzt werden, sodass die Pflegekräfte darauf angewiesen sind, dass das Klinikpersonal hierfür sensibilisiert ist und entsprechend auch zuverlässig anleitet. Aber solch eine Anleitung wird oftmals nicht geleistet. Das kann verschiedene Gründe haben, wie Zeitmangel oder manchmal eben auch Ignoranz.  All das führt dazu, dass es für die Beteiligten schwierig ist, ihre Prüfungen zu bestehen.

Was macht gute Arbeitgeber in der Pflegebranche aus?

Tenbensel: Einige gute Beispiele gibt es bevorzugt in großen Kliniken, wo viele angeworbene Pflegekräfte arbeiten. Hier gibt es Stellen, die sich nur mit angeworbenen, ausländischen Pflegekräften beschäftigen und sie in jeglicher Form unterstützen. Es gibt Ansprechpartner, sodass Pflegekräfte sich gut aufgehoben fühlen und wissen, an wen sie sich bei Fragen wenden können. Ich glaube, das ist ein richtiger Ansatz: Man muss versuchen, die Menschen nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihnen Unterstützung bieten. Zufriedenheit ist sehr wichtig für gute Arbeit.

Wie kann Faire Integration hier unterstützen und wie sieht die Arbeit von Faire Integration generell aus?

Tenbensel: Bei Faire Integration beraten wir Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund in arbeits- und sozialrechtlichen Fragestellungen. Anfragen können unterschiedliche Themenbereiche abdecken und unterschiedliche Beratungshandlungen erfordern. Um Ratsuchende zu unterstützen, informieren wir sie, schreiben zum Beispiel Geltendmachungen für ausstehende Lohnforderungen, sprechen mit Arbeitgebern oder kommunizieren mit Behörden, wie z.B. dem Jobcenter. Wir reagieren gemeinsam mit den Ratsuchenden, aber wir informieren auch präventiv. Vor allem versuchen wir, die Menschen zu empowern und ihnen Wege aufzuzeigen. Entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten, müssen sie letztlich selbst. Darüber hinaus führen wir Infoveranstaltungen durch, bei verschiedenen Trägern, Vereinen, Sprach- oder Integrationskursen. Dort informieren wir die Menschen präventiv über ihre Rechte auf dem Arbeitsmarkt, nach dem Motto: Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch durchsetzen.

Wäre es eine Chance, durch berufsgruppenübergreifende gewerkschaftliche Organisation der Beschäftigten in Krankenhäusern eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen?

Tenbensel: Grundsätzlich finde ich es eine gute Idee, wenn Betriebsräte vor Ort sind, diese auch einzubinden. Leider funktioniert das nicht immer und manchmal ist es auch so, dass Betriebsräte gar nicht wissen, dass es im Betrieb angeworbene Pflegekräfte gibt. Eine Sensibilisierung von Betriebs- und Personalräten wäre durchaus ein Schritt in die richtige Richtung. Meine Erfahrung ist, dass sich Pflegekräfte, mit denen wir zu tun haben, weder an Betriebs- und Personalräte noch an die Gewerkschaft wenden, auch wenn das in vielen Fällen sehr sinnvoll wäre. Da ist manchmal die sprachliche Hürde ein Problem, auf Seiten der Pflegekräfte aber auch auf Seiten der Gewerkschaften. Gewerkschaften sind eine Möglichkeit, sich im Arbeitsleben eine Gemeinschaft zu holen, die aber auch mit Inhalten gefüllt und gelebt werden muss. Und da sind wir noch ein ganzes Stück von entfernt.

Wie wird sich die Pflegebranche entwickeln?

Tenbensel: Es muss sich an der Arbeitssituation aller Pflegekräfte etwas ändern, egal ob sie aus Deutschland kommen oder aus dem Ausland angeworben wurden.  Ich glaube, dass im Laufe der Zeit die Zielgruppe von angeworbenen Pflegekräften mehr in den Fokus geraten wird. Und wenn mit der Corona Krise noch mehr Pflegekräfte aus dem Job aussteigen, was viele schon angedroht haben, weil sie einer unglaublichen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, dann werden wir noch viel mehr Pflegekräfte brauchen. Dann wird sich definitiv einiges ändern müssen. (pb)

Über die Autorin

Christiane Tenbensel ist Beratungsreferentin im Team Support Faire Integration in Dortmund, DGB Bildungswerk BUND.