Von der Selbsthilfegruppe zum Akteur in der Arbeitsmarktintegration

Im IQ Netzwerk Brandenburg ist Kontakt Eberswalde bislang als einzige Migrant*innenorganisation aktiv. Die "IQ Servicestelle berufliche Qualifizierung" konzipiert Qualifizierungspläne insbesondere für Gesundheits- und Krankenpfleger*innen.

Der Verein Kontakt Eberswalde – benannt nach dem Ort seiner Gründung – hat sich aus einer Bürgerinitiative von Spätaussiedler*innen entwickelt. Es fanden Menschen zusammen, die in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre vor allem aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in die Kreisstadt im Nordosten Brandenburgs gekommen waren. In der Gemeinschaft fanden sie eine Austauschplattform für gemeinsame Erfahrungen und Interessen - russisch geprägte Kultur und Erinnerungen wollten in einer Stadt ankommen, die sich selbst im Umbruch befand. Ein geeignetes Quartier fand sich in einer strukturschwachen Plattenbausiedlung, wo Zuwandernde auch aufgrund günstiger Mieten häufig ihre erste eigene Wohnung finden.

Nach einer Zeit als Selbsthilfegruppe und einer Beteiligung an einem Modellprojekt des Bundesinnenministeriums zur Strukturstärkung entstand schließlich im Jahr 2006 der eingetragene Verein Kontakt Eberswalde. Unter einem Dutzend Gründungsmitgliedern fanden sich neben Zugewanderten eine Handvoll deutsche Muttersprachler*innen. Es waren vor allem migrierte Akademiker*innen: Lehrer*innen, Ingenieur*innen, Ökonom*innen, zwei Jurist*innen und eine Journalistin, die vom Arbeitsmarkt frustriert, nach sinnvoller Betätigung ihrer Talente strebten.

Erste Aktivitäten waren Nachbarschaftshilfen, die auch heute noch zum Angebotsspektrum des Vereins gehören. So etwa Kinder- und Jugendarbeit, Senior*innen-Treff, kulturelle Aktivitäten wie eine Freizeitbibliothek und der Chor Iwuschka, spezifische Frauenangebote oder niederschwellige Sportkooperationen mit ortsansässigen Vereinen. Teilhabe-orientierte Angebote sind typische Arbeitsfelder für Migrant*innenenselbstorganisationen (MO).

Der gut 40 Mitglieder zählende Verein beschäftigt heute 10 hauptamtlich Mitarbeitende und bis zu einem Dutzend Bundesfreiwilligendienstleistende. Die Integrationsangebote wurden verstetigt und professionalisiert. Schon immer gab es unter den Aktiven erfahrenere Vertrauenspersonen, die ihr Wissen über Wege und Institutionen bereitwillig weitergaben.

Heute bietet der Verein geschulte Migrationsberatung im Rahmen der vom Bund geförderten Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) und der Jugendmigrationsdienste (JMD) mit Standorten in zwei Landkreisen. Seit Jahren organisiert und vermittelt der Verein ehrenamtliche Dolmetscher*innen bei der Sprachmittlung in wichtigen Alltagssituationen wiebei Arztbesuchen, Behördengängen sowie bei Kontakten mit Schulen und Kitas.

Derzeit werden Englisch, Russisch , Französich, Polnisch, Kurisch, Serbisch, Arabisch, Persisch, Rumänisch und Somali angeboten.  "Während der vielfältigen Aktivitäten des Vereins wurden immer neue Bedarfe erkannt und Handlungsfelder erschlossen. So erwuchs im Laufe der jahrelangen Arbeit immer ein Nächstes", erinnert sich Irina Holzmann, die den Verein seit seiner Gründung im Vereinsvorstand und als Impulsgeberin begleitet.

Neue, bedarfsgerechtere, spezifischere Projekte wurden entwickelt und Förderbudgets erschlossen. "Immer dort, wo wir Bedarfe erkannt haben, haben wir etwas aufgebaut. Eigentlich ungewöhnlich für einen so kleinen Verein – ohne großen Verwaltungsapparat haben wir uns immer wieder auf unsere Kernkompetenz konzentriert. Niederschwellig auf Bedürfnisse reagieren und zielorientiert die Interessen von uns Zugewanderten in den Blick nehmen", beschreibt Holzmann die vielfältige Projektarbeit im Verein.

Auch ein Verein mit kleiner Basis kann etwas bewirken, muss sich aber Gehör verschaffen. So braucht es auch gesellschaftliches Engagement, Verbandsarbeit und größere Partner. Im Jahr 2014 wurde der Verein mit dem Integrationspreis des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Seit 2018 ist Kontakt Eberswalde Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Migrationsspezifische Anliegen und die Perspektive Zugewanderter vertritt der Verein sowohl bei kommunalen Kooperationspartnern, im Austausch mit Integrationsbeauftragten auf Landes- und Bundesebene oder in seiner Rolle als Beiratsmitglied, so im Landesintegrationsbeirat Brandenburg und der bundesweiten Arbeitsgruppe MO im Förderprogramm Integration durch Qualifizierung (IQ). "Bundesweit engagieren sich heute zahlreiche MO im IQ Förderprogramm, sind nun in nahezu jedem Landesnetzwerk vertreten", weiß Projektleiterin Anne Dann, die ihren Trägerverein in der Arbeitsgruppe vertritt.

Bereits 2014 stieg der Verein mit einem niederschwelligen Modellprojekt ins IQ Netzwerk Brandenburg ein. Seither engagiert sich Kontakt Eberswalde als Teilprojektträger mit Qualifizierungsangeboten zur Berufsanerkennung im IQ Netzwerk. Vier Teilprojekte wurden bereits umgesetzt. Zwischenzeitlich engagierte sich der Verein auch mit einem Multiplikator* innenprojekt, um ehrenamtlich Engagierte über die Möglichkeit der Berufsanerkennung zu informieren.

Besonderer Schwerpunkt sind seit 2015 die reglementierten Berufe – insbesondere für Gesundheits- und Krankenpfleger* innen konnten Qualifizierungspläne erstellt, individuelle Maßnahmen gefunden und finanziert und die Teilnehmenden im Prozess begleitet werden. Das Konzept entlastet Teilnehmende zeitlich und finanziell von den hohen Vorbereitungs- und Prüfungskosten und beschleunigt den Anerkennungsprozess. Sobald Defizitbescheid und erforderliches Sprachniveau vorliegen, kann die individuell abgestimmte Qualifizierung beginnen.

Auch wurden Maßnahmen für Physiotherapeut*innen zusammen mit Bildungseinrichtungen entwickelt. Darüber hinaus blieb die Suche nach einer praktikablen Maßnahme zur vollen Anerkennung für Erzieher*innen über Jahre ein Arbeitsthema, bis die Koordinierungsstelle einen geeigneten Träger fand und 2021 ein weiteres Teilprojekt im Landesnetzwerk entstand.

Aktuell bietet das von Kontakt Eberswalde getragene Qualifizierungsprojekt zusätzlich ein individuelles Coaching für den Berufseinstieg von Akademiker*innen mit nicht reglementierten Berufen. Ziel ist es, Chancen und bildungsadäquate Zugänge zum Arbeitsmarkt zu ebnen. Ressourcenorientiert erhalten Fachkräfte Einzeltrainings, werden passende Weiterbildungen empfohlen oder Fachsprachtrainings organisiert.

Die IQ Servicestelle berufliche Qualifizierung ist ein individuelles Unterstützungsprojekt mit dem Ziel der Anerkennung in den reglementierten Berufen. Die Klientel hat sich erweitert – zu den Pflegefachberufen kamen die technischen Assistenzberufe etwa für Anästhesie, Labor, Pharmazie oder Radiologie sowie Anerkennungsuchende in den akademischen Heilberufen Medizin und Pharmazie dazu. Wichtige Instrumente sind die  Qualifizierungsbegleitung und die Abstimmung passgenauer Anpassungsqualifizierungen sowie deren Finanzierung durch das Projekt-Budget.

Die Servicestelle bietet auch die Individualförderung an - im Flächenland Brandenburg häufig nachgefragt, da Teilnehmende häufig lange Fahrten zurücklegen müssen. Bahnfahrkarten durch mehrere Landkreise oder Fachbücher sind für Anerkennungsuchende zusätzliche Belastungen, zumal wenn der Lebensunterhalt selbständig nahe am Mindestlohn erwirtschaftet wird, etwa als Helfende im eigenen Berufsfeld.

Ein anderes Tool der IQ Servicestelle ist das fachsprachliche Training. "Oft bietet das für die Berufsanerkennung erforderliche Sprachniveau nur eine Kommunikationsgrundlage, doch im Arbeitsalltag und der Kenntnisprüfung braucht es präzise Fachbegriffe, eine deutliche und nachvollziehbare Verständigung unter Expert*innen. Somit ist neben der fachlichen Qualifizierung die Fachsprache inzwischen ein wichtiger zusätzlicher Faktor, mit dem wir die Bestehensquoten verbessern und Abbrüche vermeiden können", erläutert Projektleiterin Anne Dann. Mittlerweile arbeitet sie mit einem Pool von Honorardozierenden zusammen, was auch die kurzfristige Organisation der Fachsprachtrainings sichert. "Bei uns laufen die Fäden zusammen", fasst Anne Dann das Selbstverständnis ihrer Arbeit zusammen. "Unsere Aufgabe im Land Brandenburg ist ein Schnittstellenmanagement für unsere Zielgruppe, wir sensibilisieren zugleich Bildungsträger und Institutionen für das Thema Anerkennung."

Gerade in den reglementierten Berufen sind die Anerkennungsuchenden auf Ausgleichsmaßnahmen angewiesen, da ihnen sonst ein ausbildungsadäquater Weg in den Arbeitsmarkt verschlossen bleibt. Besonderes Engagement brauchte es etwa im Falle der ersten Berufsanerkennung eines Anästhesietechnischen Assistenten (ATA) aus dem Ausland in Begleitung durch die IQ Servicestelle.

Mohammad Eyad Alsawafs (30) syrische Ausbildung als ATA erkannte die Deutsche Krankenhausgesellschaft teilweise an, stellte ihm mit einem sogenannten Defizitbescheid die volle Berufsanerkennung nach umfangreicher Ausgleichsmaßnahme in Aussicht. Folglich kontaktierte die IQ Servicestelle den in Brandenburg zugelassenen Bildungsträger und stimmte einen Anpassungslehrgang nach den DKG-Vorgaben ab. Gut 500 Stunden theoretischer Ausbildung und knapp 2000 Stunden praktischer Ausbildung waren nachzuarbeiten, um den deutschen Berufsanforderungen als ATA zu entsprechen.

Für eine Maßnahme, die insgesamt 15 Monate dauert, braucht es zudem einen zugelassenen Arbeitgeber für das Lernen in der Praxis. Viele Faktoren  galt es unter einen Hut zu bringen: Das Einkommen für den jungen Vater und seine Familie war zu sichern, zudem wünschte er sich einen Arbeitsplatz nahe seinem Wohnort Frankfurt (Oder). Im Laufe monatelanger Gespräche mit Arbeitgeber*innen musste letzteres allerdings verworfen werden. In Vorstellungsgesprächen zeigten sich wiederholt Fachabteilungen offen für den Kollegen aus dem Ausland und das Langzeitprojekt Anpassungslehrgang. Letztlich scheiterten diese Anbahnungen jeweils im Kontakt mit Personalabteilungen.

Langwieriger Prozess

Zu guter Letzt erhielt Mohammad Alsawaf einen Anpassungslehrgang in Potsdam, gute zwei Fahrstunden von seiner Familie entfernt. Füre den umfangreichen Praxianteil wurde ihm eine Anstellung als Hilfskraft angeboten. Die IQ Servicestelle übernahm sowohl bei der Anstellung als Hilfskraft und der Suche nach einer Unterkunft am Einsatzort als auch in der Verhandlung mit dem Jobcenter über eine Übergangsunterstützung die Anwaltschaft des Anerkennungsverfahrens und des Anerkennungssuchenden.

"Ein so langwieriger Prozess mit vielen Faktoren geht deutlich über das hinaus, was dokumentierte Projektarbeit oder gar Regelinstrumente leisten könnten. Hier greift allerdings unser Selbstanspruch als Migrant*innenorganisation, einen Weg für das Ankommen zu finden. Diese Qualität hilft uns gerade im Flächenland Brandenburg immer wieder, Maßnahmen umzusetzen. Auch gegen strukturelle Widerstände", sagt Anne Dann.

"Schließlich sehen wir unsere Arbeit auch belohnt. So sind wie im Fall der ATA-Anpassung inzwischen weitere Anerkennungssuchende in die Maßnahme gestartet. Das Interesse besteht nun sowohl seitens der ausländischen Fachkräfte als auch Arbeitgebender. Aktuell deutet sich eher ein Engpass bei der Platzkapazität der Bildungsträger an", berichtet die Projektleiterin.

Kursförmige Angebote gibt es für Berufsanpassungen von ATAs im Land noch nicht. In anderen Bereichen konnte das Teilprojekt IQ Servicestelle solche Angebote im Rahmen des IQ Netzwerkes bereits in Zusammenarbeit mit der Landeskoordinierung anschieben. So beteiligen sich in der aktuellen Förderperiode bereits drei Bildungsträger im IQ Netzwerk Brandenburg mit Qualifizierungsangeboten in den reglementierten Berufen: mit Angeboten für Physiotherapeut*innen, Erzieher*innen und Mediziner*innen. (al)

Weitere Informationen

Informationen zur Migrant*innenorganisation Kontakt Eberswalde e.V.: www.kontakt-eberswalde.blogspot.com 

Qualifizierungsangebote im IQ Netzwerk Brandenburg: https://www.brandenburg.netzwerk-iq.de/angebote/qualifizierung-um-in-deutschland-zu-arbeiten