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inklusiv Praxiserfahrungsbericht und Interview mit Dina Petrakis, Ignite Global Managerin, Settlement Services International

Australien: Ignite Small Business Start-ups

In Australien leitet ein dreijähriges Programm Geflüchtete zu unternehmerischen Erfolg an. Der Fokus liegt hierbei nicht auf angeblichen Defiziten, sondern auf der Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit der Teilnehmenden.

Ausgangspunkt

Australien ist ein erfahrenes Zuwanderungsland mit einer entsprechend langen Tradition von Unternehmerinnen und Unternehmern mit Migrationshintergrund. Unter allen Zugewanderten bilden Geflüchtete den größten Anteil an Unternehmertum (Collins 2017). Dies ist ganz besonders beeindruckend angesichts der vielen Schranken, die Geflüchtete überwinden müssen: erschwerter Zugang zu Finanzierung, wenig ausgeprägte soziale Netzwerke und Sprachkenntnisse sowie Langzeitfolgen von Traumata.

Doch hinter diesem augenscheinlichen Widerspruch stecken einige einleuchtende Gründe. Wie in den meisten anderen OECD-Ländern, sind in Australien Geflüchtete häufiger arbeitslos als andere Migrant*innen. Daher machen sich viele selbstständig, wenn sie keine Beschäftigung finden. Hinzukommt, dass einige Geflüchtete aus Ländern stammen, in denen Selbständigkeit ein gängigerer – und oft auch bevorzugter – Weg ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Für viele ist es das Bedürfnis, nach qualvollen Vertreibungserfahrungen wieder die Kontrolle über ihr Leben übernehmen, das sie antreibt.

Auch in Deutschland offenbart die Datenlage das bemerkenswerte Potenzial von zugewanderten und geflüchteten Gründenden (Leicht et al 2017). Doch trotz des Aufschwungs von Unterstützungsprojekten in den letzten Jahren treffen Geflüchtete auf viele Hindernisse, wenn sie versuchen, ein Unternehmen aufzubauen – sowohl in Australien als auch in Europa oder anderswo. In Australien gilt dies in verstärktem Maße für neuangekommene Geflüchtete. Diesen Menschen fehlen oft das nötige Startkapital und ausreichende Kenntnisse über den lokalen Arbeitsmarkt und die Tücken seiner Vorschriften und Auflagen. Folglich scheitern viele beim Versuch, einen Betrieb aufzubauen. Viele andere versuchen es gar nicht erst.

Aus Leidenschaft ein Geschäft kreieren

Settlement Services International (SSI), eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Sydney, rief 2013 das Programm Ignite Small Business Start-ups ins Leben, um neuangekommene Geflüchtete auf ihrem Weg als Gründende zu unterstützen. Die Basis für Ignite bildet die Arbeit von Dr. Ernesto Sirolli, einem italienisch-amerikanischen Unternehmensexperten, der, entgegen gewöhnlichen Business-School-Weisheiten die Leidenschaft und Zielstrebigkeit der Unternehmensgründenden für entscheidender hält als ihr technische Können. Sirollis Modell stützt sich auf ausgebildete Prozessbegleitende, die ihre Klient*innen auf ihrem Unternehmensweg begleiten, sowie auf die Entwicklung einer bestimmten Managementstruktur für jedes Geschäft.

Schnell wurde klar, dass dieses Modell den Bedürfnissen dieser Kohorte angepasst werden musste, um auch für Geflüchtete funktionieren zu können. Die Prozessbegleitenden von Ignite sind nicht lediglich Vermittelnde, die Verbindungen zu Expert*innen und Beratenden aufbauen. Sie spielen eine intensive und persönliche Rolle und bauen Elemente der Interessenvertretung und des Mentorings in ihre Arbeit ein. Ein weiteres Schlüsselmerkmal von Ignite ist das so genannte „Resource Team“, also ein breit aufgestelltes Ökosystem der Unterstützung. Ursprünglich bestand das Resource Team ausschließlich aus Vertreter*innen aus Bereichen wie Marketing, Finanzberatung und anderen Industriezweigen. Nun gehören aber auch Studierende, freiwillig Tätige, pensionierte Unternehmer*innen, Dolmetscher*innen, Traumaberater*innen und psychotherapeutische Fachkräfte dazu. Gleichzeitig machen es Partnerschaften mit Mikrofinanzierungsorganisation nun möglich, Teilnehmenden Kredite von bis zu 20.000 australischen Dollar (ca. 12.000 €) zu bewilligen.

Anfangs wurden die meisten Klient*innen von Fallmanagern, die für die Neuansiedlung Geflüchteter zuständig sind, an Ignite weitergeleitet. In den letzten Jahren gab es allerdings immer mehr Geflüchtete, die durch Mundpropaganda von der Organisation gehört haben und sie aus Eigeninitiative aufsuchen. Üblicherweise suchen die Prozessbegleitenden von Ignite diejenigen heraus, die sich voll und ganz der Unternehmensgründung verschrieben haben. Dann arbeiten sie gemeinsam an einem individuellen Ansatz für ihre Betriebsstruktur. Im Anschluss an eine intensive Phase der Unternehmensentwicklung – einschließlich Produktgestaltung, Verbrauchertests und Vermarktungsstrategien sowie der Einhaltung von Vorschriften und Finanzierungsmöglichkeiten – eröffnen Klient*innen ihr Start-up. Sobald Transaktionen stattfinden und das Geschäft beginnt, Geld einzubringen, wird die Prozessbegleitung zurückgeschraubt.

Seit August 2013 haben rund 550 Menschen bei Ignite mitgemacht. Etwa ein Fünftel von ihnen haben seitdem in einem der verschiedenen Bereiche wie Fotografie, Wellness, Vertrieb oder Wasserfilterung den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Zwölf dieser kleinen Unternehmen beschäftigen nun insgesamt um die 70 Angestellte – darunter auch viele Geflüchtete. Die übrigen vier Fünftel der Teilnehmenden verließen Ignite mit verbesserten Sprachkenntnissen, gesteigertem Selbstbewusstsein, tieferem Verständnis der australischen Wirtschaft und aufpolierten Verhandlungskompetenzen und schlugen einen Weg als Angestellte*r ein und/oder entschlossen sich für eine Aus- und Weiterbildung. 

Kurz und knapp

Ignite Small Business Start-ups hat im australischen Bundesstaat New South Wales einen nachhaltigen Weg zum Unternehmertum für Geflüchtete gepflastert, deren Chancen, Unternehmende zu werden, aufgrund ihrer Angreifbarkeit und vergleichbar beschränkten Mittel besonders gering sind. Zu den Erfolgsfaktoren von Ignite gehören

  • hochqualifizierte Prozessbegleitende, die intensives und personalisiertes Mentoring und eine Interessenvertretung anbieten,
  • ein umfassendes, unterstützendes Geschäftsnetzwerk,
  • etablierte Vermittlungsbeziehungen,
  • physische und psychologische Gesundheitsversorgung und
  • die verhältnismäßig lange Laufzeit des dreijährigen Programms.

Das tatsächliche Kernstück von Ignite bildet jedoch das solide Vertrauen, das in das Gründungspotenzial der Geflüchteten gesetzt wird. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen und psychosozialen Vorteilen für die einzelnen Beteiligten spart der australische Staat dank Ignite jährlich rund 880.000 australische Dollar an Sozialausgaben (Collins 2017).

Zielgruppen:

Unternehmerberatungen, Industrie- und Handelskammern sowie Organisationen zur Unternehmensförderung, Integrationshelfende und Politiker*innen 

Zusammenfassung: 

Ignite Small Business Start-Ups hilft neu angekommenen Geflüchteten mit Unternehmergeist bei der Entwicklung und Leitung neuer Unternehmen durch intensive, individuelle Prozessbegleitung und ein breit aufgestelltes Unterstützungsnetzwerk Umsetzender

Träger:

Settlement Services International ist eine gemeinschaftliche Organisation und ein soziales Unternehmen, das Geflüchteten, Asylsuchenden und anderen gefährdeten Gruppen in New South Wales, Australien, zur Seite steht.

Vertiefende Literatur:  
Jock Collins (2017): From Refugee to Entrepreneur in Sydney in Less Than Three Years. Sydney, NSW: UTS Business School

Dr. René Leicht, Stefan Berwing, Nadine Förster und Ralf Sänger (2017): Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mannheim und Mainz, Deutschland: ifm/ism