In sechs Monaten zur Anerkennung

Die Ausgleichsmaßnahme „INGA Pflege Philippinen“ wurde im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums von der Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration konzipiert.

In der „Konzertierten Aktion Pflege (KAP)“ haben Bund, Länder und Fachkreise verschiedene Maßnahmen beschlossen, um die Rahmenbedingungen für die Gewinnung von Pflegefachkräften aus dem Ausland zu verbessern. Ziel war es, Einrichtungen des Gesundheitswesens bestmöglich dabei zu unterstützen, Pflegefachkräfte aus dem Ausland gewinnen zu können. Beschlossen wurden u.a. Maßnahmen für eine nachhaltige betriebliche, fachliche und soziale Integration der Pflegekräfte, zur Beschleunigung der Verwaltungsverfahren sowie Verbesserungen im Rahmen der Anerkennungsverfahren.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat in Umsetzung der Maßnahmen zur Ausweitung und Beschleunigung von Ausgleichsmaßnahmen die Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration (GIM) beauftragt, ein Pilotkonzept einer betriebsintegrierten Ausgleichsmaßnahme mit integrierter, pflegefachbezogener Sprachförderung für philippinische Pflegefachkräfte zu entwickeln. Ziel des Projekts ist eine Ausweitung von Angeboten an Ausgleichsmaßnahmen für ausländische Pflegefachkräfte sowie eine Verminderung des erheblichen Aufwandes zur Erstellung von Curricula zur Nachqualifizierung ausländischer Pflegefachkräfte.

Daraus ergaben sich für die Konzeptentwicklung verschiedene Integrationsaufgaben: Zum einen galt es, die Ausgleichsmaßnahme sowohl auf das bisherige als auch auf das neue Berufsbild1 auszurichten, um sie in der Übergangszeit bis 2024 umsetzen zu können. Rahmenlehrplan und Curriculum der neuen Ausbildung beschreiben Kompetenzen, die die Fachkräfte in der Ausbildung erwerben, und nicht mehr wie bislang Lerninhalte und Lernziele, die vermittelt werden. Das erfordert eine neue didaktische Herangehensweise und eine neue Rolle der Lehrkräfte und Praxisanleiter*innen. Für ein Konzept im Übergang bedeutet dies, Brücken zwischen bisherigen und neuen Formen des Lehrens und Lernens zu schlagen. Ebenfalls zu integrieren war ein intensives Sprachlernen vor dem Hintergrund, dass die Pflegefachkräfte mit einem Deutsch-Sprachniveau B1 einreisen.

Die beschriebenen Integrationsanforderungen waren Herausforderung, aber gleichzeitig auch ein Lösungsansatz für das neunköpfige Team2 der GIM, das das Konzept erarbeitete. Kern des Konzeptes ist das Integrierte Fach- und Sprachlernen. Das durchgängige Teamteaching im Unterricht, also das gemeinsame Unterrichten von einer Fach- und einer Sprachlehrkraft auf der Grundlage eines gemeinsamen Curriculums, stellt sicher, dass die Fachinhalte mit den vorhandenen Deutschkenntnissen vollumfänglich verstanden werden. Es steigert gleichzeitig erheblich die Sprach- und Kommunikationskompetenz der Fachkräfte in Anerkennung, damit sie die Anforderungen im Unterricht und in der Praxis bewältigen können. Darüber hinaus wird die angeleitete Praxis systematisch mit einer Sprachförderung begleitet, die die Herausforderungen aus der Praxis aufnimmt und so sicherstellt, dass die Anleitung und die Übung in der Praxis ihren Nutzen entfalten können.

Dieses Pilotkonzept konzentriert sich auf den Anerkennungsweg des Anpassungslehrgangs. Das Konzept ist so entwickelt worden, dass es auch – mit spezifischen Anpassungen an die jeweilige Prüfung in den Bundesländern – für die Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung genutzt werden könnte. Durchgehend ist eine Deutschförderung integriert, damit die Pflegefachkräfte, die mit Deutschkenntnissen auf dem Sprachniveau B 1 einreisen, den sprachlichen und kommunikativen Herausforderungen gerecht werden können.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Ausgleich der im Mustergutachten mit rund 800 Stunden als abweichend ausgewiesenen Praxiszeiten. Dabei wurde der Anteil der angeleiteten Praxis selbst in den Blick genommen und konzentriert. Im Konzept sind nunmehr weniger Praxiszeiten mit deutlich mehr Anleitung eingeplant, so dass sichergestellt werden kann, dass die Teilnehmenden in der intensivierten Praxis so viel Kompetenzen erwerben, dass sie sich nach 6 Monaten dem Abschlussgespräch stellen können. Die Fachinhalte orientieren sich an dem Mustergutachten der Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe mit Stand vom 19.02.2020. Als Referenzberuf wurde Pflegefachfrau/-mann gemäß Pflegeberufegesetz (PflBG) gewählt. Für die Gestaltung der Übergangsfrist ist das Konzept mit Hinweisen versehen, die es ermöglichen, die Ausgleichsmaßnahmen auch bei einer Anerkennung nach dem Berufsbild Gesundheits- und Krankenpfleger/-in einzusetzen.

Die Deutschförderung findet mit Hilfe von drei Elementen statt: Erstens werden die Fachinhalte im Tandem unterrichtet, also von einer Fach- und einer Sprachlehrkraft. Zweitens findet eine begleitende Sprachförderung statt, die auftretende sprachliche Herausforderung in der angeleiteten Praxis sowie im Fachunterricht in Einzel- und Gruppenförderung bearbeitet. Und drittens erhalten die Pflegefachkräfte, die die Maßnahme mit Deutschkenntnissen auf dem Niveau B 1 GER begonnen haben, eine systematische Vorbereitung auf die (Fach-)Sprachprüfung B 2 GER.

Der Lehrplan für den theoretischen Unterricht wird in einer Tiefe beschrieben, die den Abgleich mit dem Mustergutachten und den Rahmenlehrplänen für den theoretischen und praktischen Unterricht nach PflBG ermöglicht. Für die Gestaltung des Unterrichts wird ergänzend ein umfangreiches detailliertes Curriculum zur Verfügung gestellt, das die Fach- und Sprachlerninhalte, -kompetenzen und -ziele integriert benennt und beschreibt. Der Lehrplan für den praktischen Unterricht wird in der laufenden Maßnahme erarbeitet aus den Rückmeldungen der Fachlehrkräfte, die den theoretischen Unterricht gestalten, und der*dem Praxisanleiter*in, die*der mit der Durchführung der angeleiteten Praxis betraut ist.

Der Plan für die angeleitete Praxis orientiert sich an den zu vermittelnden Kompetenzen gemäß den Rahmenausbildungsplänen für die praktische Ausbildung nach PflBG. Er ist so ausgearbeitet, dass die qualitativen und quantitativen Anforderungen aus dem Mustergutachten berücksichtigt sind und daraus ein auf die jeweils spezifische betriebliche Situation zugeschnittener Ausbildungsplan erstellt werden kann. Gemäß dem Mustergutachten zu den Abschlüssen von den Philippinen kann diese Praxis unter bestimmten Voraussetzungen auch in einer Langzeitpflegeeinrichtung abgeleistet werden.

Aus der Perspektive der Einrichtungen, die die Pflegefachkräfte in Anerkennung einstellen, bietet das Konzept eine praxis- und betriebsnahe fachliche sowie sprachliche Anpassung an, mit der in kompakter Form die fehlenden Voraussetzungen für eine formale Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse ausgeglichen werden können. Bei einer weitgehenden Umsetzung im eigenen Betrieb wird die Eingliederung in die spezifischen Abläufe und Kommunikationsstrukturen sowie die Aufnahme in die Teams unterstützt.

Der Natur der Sache folgend ist zu erwarten, dass nach der Pilotphase Anpassungen und Änderungen erfolgen werden und erst dann ein standardisiertes Konzept vorliegen wird, das bundesweit einsetzbar ist. Das Konzept wird aber bereits jetzt fortlaufend weiterentwickelt, um auch für Abschlüsse aus anderen Herkunftsländern genutzt werden zu können. Hier sind aktuell Abschlüsse aus Mexiko, Brasilien und Indien im Blick.

Weitere Informationen finden Sie auf den Seiten des Deutschen Kompetenzzentrums für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF):

https://dkf-kda.de/werkzeugkoffer-wi/anerkennungsprozess-organisieren/

sowie einen Informationsflyer zu INGA Pflege unter

https://dkf-kda.de/wp-content/uploads/2021/03/Inga-Pflege-Flyer.pdf

„Die enge Begleitung des Deutschen Kompetenzzentrums für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) und die fachliche Unterstützung des Instituts für gesellschaftliche Integration und Migration (GIM) in dem INGA-Projekt ermöglichen es uns, unsere bereits gemachten Erfahrungen in der Anpassungsqualifikation internationaler Fachkräfte professionell zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Wichtige Eckpunkte sind von Beginn unsere zukünftigen Pflegefachkräfte gut zu begleiten und fachlich wertzuschätzen sowie die pflegerischen und sprachlichen Inhalte eng zu verzahnen. Dieses Konzept der interdisziplinären Zusammenarbeit greift das Pilotkonzept INGA-Pflege im Teamteaching auf und bietet so einen idealen Zugang. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem DKF und GIM in diesem innovativen Projekt.“

Jenny Andresen
Spezialistin Internationales Personalmanagement Geschäftsbereich Personal und Personalentwicklung Klinikum Ernst von Bergmann gemeinnützige GmbH, Potsdam

Über den Autor

Wolfgang Vogt ist Diplompädagoge und leitet die Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration (GIM) an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar). Er ist Forschungskoordinator der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Lehrbeauftragter an der htw saar und der Universität des Saarlandes und koordiniert seit 2005 die Umsetzung des Förderprogramms Integration durch Qualifizierung IQ im Saarland.

Quellen

1Aus dem bisherigen Berufsbild „Gesundheits- und Krankenpfleger:in“, nach dem aktuell anerkannt wird, wird der generalistische Beruf „Pflegefachmann/-frau“ nach dem neuen Pflegeberufegesetz. Ausgebildet wird flächendeckend seit 2020 nach diesem neuen Berufsbild.

Dem Team unter Leitung des Diplompädagogen Wolfgang Vogt gehörten an: Dr. Neda Sheytanova, Rebecca Steines, Kajetan Tadrowski, Heike Blumenauer, Silvia Klein, Nikoloz Lomtadze, Milenka Cofré Valdivieso, Rebecca Oehm.