Vertrauen senkt Hemmschwellen

Migrant*innenorganisationen sind seit langem im Netzwerk IQ aktiv. Sie haben besondere Zugänge zu den Communities und erreichen deshalb die Zielgruppe sehr gut. Ein Überblick über das Engagement von Migrant*innenorganisationen im Förderprogramm IQ.

von Fabienne Braukmann, Kaan Öztürk, Sabine Schröder

Die Mitwirkung von Migrant*innenorganisation (MO) im Förderprogramm IQ wurde frühzeitig konzeptionell und strukturell verankert. Sie arbeiten als Träger von Teilprojekten bei der operativen Umsetzung des Programms mit und sind vielfältig als Netzwerkpartner aktiv.

Bereits 2015 wurde eine Fachgruppe Migrant*innenorganisationen eingerichtet, die sich seitdem aktiv für die Belange der Zielgruppe einsetzt und die Perspektive der Migrant*innencommunities in die Programmumsetzung einbringt. Eine Vertretung der Fachgruppe Migrant*innenorganisationen ist ständiges Mitglied der IQ Steuerungsgruppe, eines Leitungsgremiums, in dem alle Landesnetzwerke, Fachstellen, das Multiplikatorenprojekt sowie die Mittelgeber und Partner der Mittelgeber vertreten sind.

Die IQ Fachgruppe MO, in der Vertreter*innen aller MO im Programm vertreten sind, trifft sich zweimal jährlich. Am 12. Mai 2021 hat die IQ Fachgruppe MO die Fachtagung "Migrantenorganisationen im Förderprogramm IQ – vielfältig, vernetzt und innovativ" veranstaltet.

Ziel der Fachveranstaltung war es, bisherige Angebote, Ansätze und Erfolge in der operativen Programmumsetzung der MO darzustellen und gemeinsam entsprechend der vier Handlungsschwerpunkte in den Austausch zu gehen. Vor allem aber sollte die Sichtbarkeit der guten Arbeit der Migrant*innenorganisationen bei der Veranstaltung auf Bundesebene erhöht werden. An der Veranstaltung haben die Mitglieder der IQ Steuerungsgruppe und die Vertreter*innen der Fach AG MO teilgenommen, insgesamt über 70 Personen.

Am 20. Mai 2021 fand die Auftaktsitzung des Runden Tisches Berufsanerkennung auf Einladung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und mit Unterstützung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in einem 4-stündigen Digitalformat statt.

Der Runde Tisch Berufsanerkennung ist ein Kernvorhaben des BMBF im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Integration. Ziel des Runden Tisches ist es, Migrant*innenorganisationen – und dadurch die Perspektive der Betroffenen - systematischer in die Weiterentwicklung des Anerkennungsverfahrens und der Begleitinstrumente einzubeziehen.

In der aktuellen Förderrunde (2019-2022) sind im IQ Programm insgesamt 22 MO mit 27 operativen Teilprojekten vertreten. In 14 von 16 IQ Landesnetzwerken sind MO tätig: In Berlin arbeiten sieben Teilprojekte, in Hamburg und in Nordrhein-Westfalen jeweils vier Teilprojekte bei MO und in Thüringen gibt es zwei Teilprojekte bei MO. In allen anderen Landesnetzwerken bis auf Bremen und Rheinland-Pfalz sind MO mit nur je einem Teilprojekt an den Strukturen beteiligt.

Die MO sind in allen vier Handlungsschwerpunkten im Förderprogramm IQ aktiv, wobei die Schwerpunkte in den Handlungsschwerpunkten Anerkennungsberatung und Interkulturelle Kompetenzentwicklung der zentralen Arbeitsmarktakteure liegen.

Angebote im Handlungsschwerpunkt Anerkennungsberatung

Im Handlungsschwerpunkt "Anerkennungsberatung" sind neun der insgesamt 90 Teilprojekte bei MO angesiedelt. Mit der Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung werden Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen zur Anerkennung ihrer Abschlüsse beraten und erhalten Informationen zu Anpassungsqualifizierungen bzw. Ausgleichsmaßnahmen, um die volle Anerkennung und eine qualifikationsadäquate Beschäftigung zu erreichen.

Im Bereich der Fairen Integration werden arbeitsund sozialrechtliche Beratungen insbesondere zu Arbeitsverträgen und Fragen der Entlohnung angeboten. Das IQ Programm bietet Beratung in über 40 Sprachen an, die MO tragen hierzu wesentlich bei.

Migrant*innenorganisationen verfügen über besondere Zugangswege in die Communities und erreichen daher die potenzielle Zielgruppe besonders gut. Die Information über das Beratungsangebot verbreitet sich über persönliche Empfehlung. MO sind in der Lage Beratungsangebote in den Herkunftssprachen der Zielgruppe anzubieten.

Dies schafft Vertrauen, senkt die Hemmschwelle der Ratsuchenden bei der Inanspruchnahme der Beratung und führt insbesondere bei komplexen Themen zu einem besseren Verständnis der Beratungsinhalte. MO verfolgen zudem häufig einen ganzheitlichen Beratungsansatz und bündeln verschiedene Beratungsthemen wie berufliche Anerkennung oder Rechts- und Sozialberatung.

Da MO das Vertrauen der Zielgruppe genießen, können sie auch helfen, Barrieren zwischen Migrant*innen und Behörden sowie Beratungsstellen abzubauen. MO nehmen eine wichtige Brückenfunktion wahr. 

Angebote im Handlungsschwerpunkt Qualifizierungen im Kontext der Anerkennung

Im Handlungsschwerpunkt "Qualifizierungsmaßnahmen im Kontext des Anerkennungsgesetzes" werden fünf der insgesamt 167 Teilprojekte von MO durchgeführt. Flankierend zur Anerkennungsgesetzgebung bietet das Förderprogramm IQ bundesweit passgenaue Qualifizierungen wie Ausgleichs- bzw. Brückenmaßnahmen oder Anpassungsqualifizierungen an.

Der Zugang zur Zielgruppe ist auch für die Gewinnung von Teilnehmer*innen für die Qualifizierungen von Bedeutung. Die Angebote werden aus der Perspektive und den Bedarfen der Zielgruppe konzipiert. Und die Beschäftigten in MO dienen als Vorbilder, sie motivieren die Qualifizierungsziele zu erreichen.

Zudem können für den gesamten Prozess der Arbeitsmarktintegration die Strukturen und Netzwerke der migrantischen Organisationen genutzt werden. Im Ergebnis nehmen MO in dem Bereich für sich in Anspruch, Qualifizierungsabbrüche minimieren und Integrationsprozesse beschleunigen zu können.

Angebote im Handlungsschwerpunkt Interkulturelle Kompetenzentwicklung der zentralen Arbeitsmarktakteure

Im Handlungsschwerpunkt "Interkulturelle Kompetenzentwicklung der zentralen Arbeitsmarktakteure" werden zehn der insgesamt 92 Teilprojekte von MO durchgeführt. In diesem Handlungsschwerpunkt bietet das Programm Beratungen, Schulungen, Trainings zur interkulturellen Kompetenzentwicklung und für Beschäftigte in Agenturen für Arbeit, Jobcentern, Kommunen, Unternehmen und Verbänden an. Ziel ist es, interkulturell zu sensibilisieren, interkulturelle Öffnungsprozesse anzustoßen und Diskriminierungen abzubauen.

Die MO im Förderprogramm arbeiten mit allen Multiplikatorengruppen zusammen: Arbeitsmarktakteure, Verwaltungen, Kommunen, Wirtschaftsakteure, Ehrenamtliche, Kammern, migrantische KMU, (Solo-) Selbstständige, Existenzgründer*innen.

Sie haben adressatengerechte Formate entwickelt und sind wichtige Akteure und Partner im Feld der interkulturellen Öffnung. Ihre Stärke liegt darin, dass sie durch ihre Anbindung an Communities und Arbeitsmarktakteure Hürden zwischen den Akteuren und Zielgruppen abbauen und gegenseitige Zugänge schaffen können. Sie sind gleichermaßen Botschafter, Begleiter, Türöffner, Mittler und Brückenbauer beim Abbau von Diskriminierung und der Sichtbarmachung von Potenzialen.

Angebote im Handlungsschwerpunkt Regionale Fachkräftenetzwerke – Einwanderung

Im Handlungsschwerpunkt "Regionale Fachkräftenetzwerke – Einwanderung" werden drei der 46 Teilprojekte von MO durchgeführt. Durch die Etablierung regionaler Fachkräftenetzwerke unterstützt das Programm die Umsetzung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes. Bundesweit finden sich dazu eingerichtete Beratungsstellen zur Fachkräfteeinwanderung.

Es ist bekannt, dass das Vorhandensein von migrantischen Communities für Migrationsentscheidungen von Fachkräften eine zentrale Rolle spielen. Die Communities und damit auch MO sind häufig die erste Anlaufstelle für Fachkräfte, häufig werden Kontakte über Social Media und bekannte Netzwerke bereits aus dem Ausland geknüpft.

Die muttersprachliche Kommunikation und Beratung zu Fragen der Anerkennung, Visaangelegenheiten, Einreise, sozialen und betrieblichen Integration hat eine große Reichweite und ist niedrigschwellig. Zudem decken MO aus den eigenen Erfahrungen heraus Informations- und Beratungsbedarfe von Fachkräften zu Aspekten der sozialen Integration u.a. Wohnungssuche, Schulbesuche der Kinder ab.

MO können über ihre Netzwerke wiederum Kontakte zu entsprechenden staatlichen Stellen herstellen. Die Rolle der MO ist somit wichtig für soziale Integration, um Fachkräfte und Familie zu binden. 

Bedeutung der MO im Förderprogramm IQ

MO sind wichtige Akteure der Arbeitsmarktintegration. Sie verfügen über sehr gute Zugänge zu migrantischen Communities und kooperieren themen- und fallbezogen und mit den Regelinstitutionen. Durch die Mitwirkungen in verschiedenen Programmen und in unterschiedlichsten Kooperationen haben sie sich zunehmend professionalisiert und jeweils eigenständige fachliche Profile entwickelt, zum Beispiel in der Anerkennungsberatung oder im Bereich Fachkräfteeinwanderung.

Dabei weisen MO Kompetenzen auf, die nicht-migrantische Arbeitsmarktakteure nicht zwingend aufbringen können. Sie beanspruchen als eigenständige Arbeitsmarktakteure und vollwertige Ansprechpartner von den Regelstrukturen wahrgenommen und angesprochen zu werden. Eine ganze Reihe von Vorteilen geht mit der Mitwirkung von MO im Förderprogramm IQ einher:

  • Kenntnis der Zielgruppen
    MO sind in migrantische Communities eingebunden und kennen dadurch die spezifischen Informations- und Beratungsbedarfe der Migrant*innen. Sie sind dadurch in der Lage, Konzepte und Maßnahmen der Arbeitsmarktintegration bedarfsgerecht und passgenauer zu erarbeiten und umzusetzen.
  • Zugang zur Zielgruppe
    MO sind für migrantische Ratsuchende oft sichtbarer und leichter zugänglich. MO können daher die Zielgruppe schneller und mit nur wenigen sprachlichen und kulturellen Hürden erreichen und haben insbesondere bei arbeitsmarktferneren Gruppen eine erhöhte Chance, diese erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Mitglieder von MO können als Multiplikator*innen agieren und erhöhen die Reichweite der Zielgruppenerreichung.
  • Mehrsprachigkeit
    Beschäftigte in MO sind in der Regel mehrsprachig und sind in der Lage mit Informations- und Ratsuchenden in deren Herkunftssprache zu sprechen. Für migrantische Ratsuchende mit nicht guten oder nicht sehr guten Deutschkenntnissen stellt die Nutzung der deutschen Sprache oft eine erhebliche Hürde dar. Die Nutzung der Herkunftssprache schafft Vertrauen und sichert das Verständnis.
  • Brückenbauer
    MO können durch ihre Anbindung an Communities und Arbeitsmarktakteure Hürden zwischen den Akteuren und Zielgruppen abbauen und gegenseitige Zugänge schaffen. Migrant*innen haben zum einen oft unzureichende Informationen über öffentliche Informations- und Beratungsangebote und aufgrund schlechter Erfahrungen in den Herkunftsländern misstrauen sie mitunter staatlichen Einrichtungen und vermeiden den Kontakt.
  • Pullfaktor der Fachkräfteeinwanderung und -bindung
    Die soziale Integration ist ein wichtiger und häufig unterschätzter Faktor bei der nachhaltigen Bindung von Fachkräften. Soziale Kontakte außerhalb der Arbeit, das soziale Umfeld und auch der Wohnort spielen eine wichtige Rolle, denn nur wer sich gut angekommen und willkommen fühlt, bleibt auch längerfristig. Communities und Netzwerke von Menschen aus dem Heimatland oder mit ähnlicher Migrationsgeschichte vermitteln soziale Nähe und übernehmen die informelle Informationsweitergabe zu Themen für neu Eingewanderte. MO kommt hier eine zentrale Rolle zu.
  • Umfassendes Beratungsangebot
    MO als Träger von arbeitsmarktpolitischen Projekten bieten oft ein breites und ganzheitliches Beratungsangebot für die Zielgruppen und sie können häufig auf ehrenamtliche Strukturen zugreifen. Für die soziale Integration von Fachkräften spielen sie eine zentrale Rolle, welche in die Fachkräftebindung wirkt.
  • Empowerment
    Personal aus MO kann die migrantischen Zielgruppen auf Augenhöhe und bei den individuellen Prozessen der Arbeitsmarktintegration und dem Zugang zum Arbeitsmarkt begleiten. Die Wahrnehmung von Migrant*innen in qualifizierten und anspruchsvollen Beschäftigungen als Berater*in, Dozent*in oder Projektleiter*in können als „Role Model“ dienen und Zutrauen in die eigene berufliche Entwicklung schaffen.