Von São Paulo nach Osnabrück

Das Klinikum Osnabrück wirbt gezielt ausländische Pflegefachkräfte an, um den Personalmangel zu lindern. Mit Unterstützung von IQ Niedersachsen hat das Krankenhaus ein Konzept entwickelt, um die Fachkräfte vor Ort sukzessive einzuarbeiten.

Pflegekräfte sind systemrelevant. Und sie sind „Mangelware“. Eine ungünstige Kombination, vor allem mitten in einer weltweiten Pandemie. Aber auch vor deren Ausbruch gehörte „Gesundheits- und Krankenpflege“ regelmäßig zu den von der Bundesagentur für Arbeit identifizierten so genannten Mangelberufen mit hohen Fachkräftebedarfen. Ein aktueller Bericht der Bundesagentur für Arbeit weist für 2020 im Jahresdurchschnitt 15.500 gemeldete offene Stellen aus.

Krankenhäuser leiden unter dieser Situation bereits seit langer Zeit. Viele nutzen daher die gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte, um dem Personalmangel entgegen zu wirken. Sich auf diesen Weg einzulassen, ist für alle Beteiligten ein Abenteuer. Für eine Fachkraft ist es eine lebensverändernde Entscheidung, die Heimat, die Familie, das gewohnte Umfeld zu verlassen, um in einem fremden Land noch einmal ganz von vorne anzufangen. Aber auch für Arbeitgeber ist es eine Entscheidung, die gründliche Überlegungen erfordert und neben Geld, Zeit auch viel Engagement und Know-how benötigt. Zu den Fragen, die beantwortet werden müssen, gehören unter anderem „Welche Herkunftsländer kommen in Frage?“, „Was ist für ein Visum erforderlich?“ oder „Wo wohnen die Menschen nach ihrer Ankunft“?

Auch das Klinikum Osnabrück hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit diesen Fragen befasst. Es beschäftigt über 2.450 Mitarbeiter*innen und betreut jährlich etwa 34.500 stationäre und 75.000 ambulante Patienten*innen. Das Krankenhaus ist schon lange ein Ort, an dem viele Nationalitäten und Berufsgruppen zusammenarbeiten. Vor allem Pflegedirektor Jürgen Kleinschmidt hat es sich mit seinem Team zur Aufgabe gemacht, ausländisches Fachpersonal in das Klinikum zu integrieren. Im Jahr 2018 wurde unter seiner Regie ein Konzept entwickelt, das sich die Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland als Ziel gesetzt hat. Das Konzept zielt darauf ab, die Fachkräfte vor Ort sukzessive einzuarbeiten und ihre Sprachkompetenzen zu verbessern.

In diesem Kontext entstand der Kontakt zur Servicestelle Fachkräftesicherung des IQ Netzwerks Niedersachsen. Seit 2019 berät das Team Betriebe zu Fragen rund um die Gewinnung und Beschäftigung ausländischer Fachkräfte. Besonders die Anerkennung der ausländischen Berufsabschlüsse wirft bei Unternehmen viele Fragen auf. Weitere Themen, die stark nachgefragt werden, sind Rekrutierungswege, Einreiseverfahren, Spracherwerb und Integrationsmaßnahmen. Die Berater*innen leisten genau das, wofür Betriebe wenig Zeit haben: Sie recherchieren und sprechen mit zuständigen Stellen, wägen verschiedene Optionen ab und minimieren so den Aufwand für die Firma. Gemeinsam mit Verantwortlichen des Klinikums Osnabrück wurde zum Beispiel Ende 2019 ein Workshop   durchgeführt, in dessen Mittelpunkt das zu dem Zeitpunkt geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz (in Kraft getreten im März 2020) stand. Genutzt wurden die Möglichkeiten des Gesetzes durch das Klinikum dann bereits 2020 – mitten in der Pandemie.

„Das war wirklich gutes Timing“, erzählt Birgit Waldhelm etwas ironisch, als sie von dem holprigen Weg einer Gruppe brasilianischer Pflegefachkräfte berichtet. Seit Anfang dieses Jahres sind die insgesamt sieben Fachkräfte nun in Osnabrück und Birgit Waldhelm hat als Inhaberin der Stabsstelle „Internationales Pflegefachpersonal“ der Pflegedirektion des Klinikums Osnabrück intensiv daran mitgearbeitet. Eigentlich sollten die sieben bereits im November 2020 ankommen, jedoch machte Corona die Reise- und Anerkennungspläne zunächst zunichte. Aufgrund der Pandemie wurden keine Präsenz-Sprachkurse in Brasilien angeboten, die Goethe-Institute waren geschlossen. Die Krankenpflegekräfte konnten daher lediglich über virtuelle Formate weiterhin Deutsch lernen, jedoch ohne Möglichkeit eine Prüfung abzulegen. Neben dem fehlenden realen Austausch und dem geringeren Lerneffekt ergab sich hier aber noch ein viel größeres Problem, denn: ohne Klausur, kein Sprachzertifikat und ohne Sprachzertifikat (eigentlich) keine Aufenthaltsgenehmigung. Zu allem Überfluss verursachte die brasilianische Corona-Mutation kurze Zeit später auch noch ein Ein- und Ausreiseverbot für Brasilien. „Das war wirklich ein Worst-Case-Szenario“, erinnert sich Birgit Waldhelm. Gleichzeitig hatten alle Beteiligten aber auch Glück im Unglück, denn die Fachkräfte konnten gerade noch rechtzeitig aus ihrem Heimatland ans andere Ende der Welt fliegen. Dabei profitierten sie von einer pandemiebedingten Erleichterung, denn sie konnten mit einer Sonderregelung auch ohne Sprachzertifikat einreisen und können die Sprachprüfung in Deutschland ablegen.

Auch Leandro de Abreu Montanhana erinnert sich noch gut an diese Zeit. Leandro Montanhana ist 37 Jahre alt, verheiratet und kommt gebürtig aus São Paulo, wo er bereits mehr als 15 Jahre als Pflegeassistenz und Krankenpfleger gearbeitet hat. Er ist einer der sieben, die ihren Weg nach Osnabrück gefunden haben. „Am Anfang war – Katastrophe“, erzählt er lachend. „Ich habe im Oktober 2019 mit meinem Deutschkurs in Brasilien begonnen. Ich war vormittags arbeiten und musste danach zum Sprachkurs. Das war viel“, erinnert er sich. Er ist aber froh und dankbar, dass es von vielen Seiten bei dem gesamten Prozess Unterstützung gab.  Auch in der neuen Heimat erhalten Leandro und seine Kolleg*innen weiterhin Unterstützung, denn das Klinikum hat einen Sprachkurs parallel zu einer stufenweisen Eingliederung mit regelmäßiger Hospitation im Krankenhaus organisiert. Die Brasilianer*innen hospitieren auf den Stationen und können so gleichzeitig sprachlich und fachlich dazu lernen. Der Kontakt mit Kolleg*innen und Patient*innen hilft ihnen außerdem auch dabei, kulturell und menschlich in Deutschland anzukommen. Im Anschluss werden sie zudem noch eine notwendige fachliche Qualifizierung zur Vorbereitung auf die notwendige Kenntnisprüfung durchlaufen. Darüber hinaus kümmerten sich Waldhelm und ihr Team auch um die Unterbringung des ausländischen Fachpersonals. Leandro Montanhana und seine sechs Kolleg*innen wohnen für den Anfang in einem ehemaligen Hotel. Trotz eines gemeinsamen Aufenthaltsraums sind durch Corona Freizeitmöglichkeiten und das „ganz normale Leben“ noch sehr eingeschränkt. „Unter diesen Bedingungen lässt es sich nur schwer in einem fremden Land wirklich ankommen“, erklärt Birgit Waldhelm. „Abstandsregeln, Maske und Ausgangssperren machen es unseren neuen Kolleginnen und Kollegen nicht leicht neue Kontakte zu knüpfen.“ Trotzdem fühlt sich Leandro wohl in seiner neuen Heimat: „Osnabrück ist wirklich schön und sehr sauber.“ Sein Highlight war bisher der Schnee im Februar. „Sowas habe ich noch nie gesehen! Das war der erste Schnee in meinem Leben!“, berichtet er strahlend. Trotz Aufwand und Stolpersteinen lohnt es sich, Fachkräfte aus dem Ausland zu akquirieren. „Wir sind auf Fachpersonal aus dem Ausland angewiesen. Der Aufwand, der damit verbunden ist, macht eigentlich nur deutlich, welche Not dahinter steckt“, sagt Birgit Waldhelm. Aus ihrer Sicht ist die Fachkräftesicherung aus dem Ausland, vor allem aus Drittstaaten, ein Versuch, dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegen zu wirken. „Es ist ein Baustein. Keine Lösung. In Deutschland muss grundsätzlich etwas getan werden, damit Pflege wieder ein attraktiver Beruf wird.“ Das Ankommen oder Einreisen ist das eine, das Bleiben das andere. Es müsse mehr dafür getan werden, dass die Fachkräfte auch dauerhaft bleiben. Dazu gehört zum Beispiel auch das Nachholen der Familien.

Das ist auch das, was sich Leandro Montanhana für die Zukunft wünscht: „Ich möchte meine Familie, meinen Mann und meine Hunde nach Deutschland holen.“ Für den Augenblick, sei es so, wie es ist, aber in Ordnung. Leandro Montanhana ist positiv und nutzt jede freie Minute, sich in seinen neuen Job einzufinden und die Sprache zu lernen. „Ich weiß, warum ich das alles auf mich nehme. Ich freue mich auf meine neue Zukunft in Deutschland.“ (sr)