Wanderung mit der Welt

Wanderungssaldo, Zu- und Fortzüge von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit 2019


Kompakt 10/2020

Das vorliegende Kompakt analysiert die Zu- und Abwanderung im Jahr 2019 von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit und nimmt dabei vor allem die Wanderungsbewegungen zwischen den EU-Staaten und Deutschland in den Blick. Zum vierten Mal in Folge sinkt die Nettozuwanderung. Vor allem der Zuzug aus den osteuropäischen Staaten ist rückläufig. Angesichts der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wird sich dieser Trend auch 2020 voraussichtlich fortsetzen.

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1. Wanderungssaldo und Wanderungsstatistik: Grundlegende Begriffserläuterungen

Mit Wanderungssaldo (auch Wanderungsrate oder -bilanz) ist die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen in einem Land gemeint. Das heißt: Wenn die Zahl positiv ist, sind mehr Personen zugewandert; ist sie negativ, sind mehr Menschen abgewandert. Wie die Geburtenbilanz und die Lebenserwartung trägt der Wanderungssaldo dazu bei, die Bevölkerungsentwicklung zu berechnen. Nur bedingt sind auf Basis des Wanderungssaldos Rückschlüsse auf das Ausmaß von Zu- und Abwanderung möglich. Denn wenn sowohl die Zu- als auch die Abwanderung hoch sind, fällt unter dem Strich der Wanderungssaldo niedrig aus (BpB 2019).

Die Karten des vorliegenden Kompakts basieren auf der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts, die sich aus den Daten der Einwohnermeldeämter speist. Dabei werden grundsätzlich alle Personen erfasst, also sowohl Menschen mit deutschem Pass als auch mit einer anderen Staatsbürgerschaft, die das Land verlassen oder (wieder) nach Deutschland zurückkehren.

Neben der Wanderungsstatistik gibt es zwei weitere offizielle Quellen für die Zu- und Abwanderung nach Deutschland: die Daten der Reihe Ausländische Bevölkerung (AZR) des Statistischen Bundesamts sowie das Wanderungsmonitoring des Bundesamts für Flüchtlinge (BAMF). Unter anderem weil es für die Erfassung der den drei Statistiken zugrundeliegenden Daten unterschiedliche Stichtage gibt, kommt es immer wieder zwischen ihnen zu Abweichungen (Statistisches Bundesamt 2020a und FE 2018). Wie die übrigen Quellen zur Ein- und Abwanderung nach Deutschland hat auch die Wanderungsstatistik „blinde“ Flecken. Grundsätzlich nicht erfasst werden Menschen, die ohne Papiere nach Deutschland kommen. Außerdem ist zu vermuten, dass Drittstaatsangehörige und Menschen aus EU-Staaten sich bei Umzügen nicht immer zeitnah an- bzw. abmelden und damit nicht oder erst mit einer Verzögerung in der Wanderungsstatistik auftauchen (FE 2018).


2. Wanderungssaldo 2019: Deutlicher Rückgang der Nettozuwanderung

2019 zogen 1.559.000 Personen aus dem Ausland nach Deutschland, während 1.232.000 das Land verließen. Die Nettozuwanderung lag damit bei rund 327.000 Personen – im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um rund 18,2 %. Damit ist der Wanderungssaldo im vierten Jahr in Folge rückläufig. Hauptgrund ist der Rückgang beim Zuzug nichtdeutscher Staatsbürger*innen und der Anstieg ihrer Fortzüge. So sank 2019 im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der nichtdeutschen Einwander*innen um rund 38.000. Gleichzeitig 2019 zogen rund 37.000 mehr Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit aus Deutschland weg als 2018 (Statistisches Bundesamt 2020a).


3. Stärkste Nettozuwanderung aus Rumänien, Syrien, Indien und der Türkei

Bei den meisten Staaten übersteigt die Zuwanderung nach Deutschland die Abwanderung oder beide Wanderungsbewegungen halten sich die Waage. Nur bei acht Ländern ist der Wanderungssaldo negativ, darunter Ungarn (- 1.700 Personen), die Schweiz (- 896 Personen) und Armenien (- 535 Personen).

Unter den Ländern mit positivem Wanderungssaldo nimmt Rumänien mit 40.454 Personen den größten Anteil ein, gefolgt von Syrien mit 23.933 Personen, der Türkei mit 21.249 Personen, Bulgarien mit 20.134 Personen sowie Indien mit 20.010 Personen. Allerdings verzeichneten Rumänien, Syrien und Bulgarien im Vergleich zum Vorjahr einen starken Rückgang der Nettozuwanderung um bis zu 35 %. Bei Indien ist der Trend gegenläufig: Im Vergleich zum Vorjahr nahm der Wanderungssaldo um 33,5 % zu. Grund dafür ist der nach wie vor steigende Zuzug von indischen Fachkräften. So nahm die Zahl der Zuwanderer aus Indien zwischen 2010 und 2019 von 13.000 auf 39.000 zu – eine Verdreifachung in weniger als zehn Jahren (Statistisches Bundesamt 2020a). Bei der Türkei stieg der Wanderungssaldo im Vergleich zum Vorjahr um 13,7 %. In den letzten Jahren hat die Nettozuwanderung aus der Türkei deutlich zugenommen, auf 21.249 Personen im Jahr 2019.


4. Rückläufiger Wanderungssaldo mit den EU-Staaten

2019 nahm die Nettozuwanderung von EU-Bürger*innen nach Deutschland ab: Der Wanderungssaldo mit den EU-Staaten sank von rund 209.639 im Vorjahr auf rund 123.116. Dies entspricht einem Rückgang um 44,1 %. Dabei stiegen die Fortzüge um 46.000 Personen an, während die Zuzüge sich um 26.500 verringerten. Das Statistische Bundesamt erklärt dies mit dem „EU-Wahl-Effekt“: So haben im Rahmen der Europawahl 2019 viele Meldebehörden bereits aus Deutschland weggezogene, aber noch hier gemeldete EU-Bürger*innen nachträglich abgemeldet, wenn sich herausstellte, dass sie nicht mehr unter der registrierten Anschrift lebten (Statistisches Bundesamt 2020a).

Mit fast allen EU-Staaten war der Wanderungssaldo 2019 im Vergleich zum Vorjahr rückläufig, am stärksten mit Finnland (- 140,2 %), Ungarn (-133,2 %) und Portugal (- 110,7 %).

Für die meisten EU-Länder ist der Wanderungssaldo positiv. Das heißt: Die Zuwanderung aus diesen Ländern ist (noch) höher als die Abwanderung. Spitzenreiter ist Rumänien mit einem Anteil von 32,9 % am gesamten Wanderungssaldo aus der EU (absolut 40.454 Personen). Es folgen Bulgarien mit 16,4 % (20.134), Italien mit 14,6 % (18.025), Kroatien mit 12,2 % (14.984) sowie mit deutlichem Abstand Griechenland mit 5,4 % (6.596). Bei allen fünf Staaten ist allerdings im Vergleich zum Vorjahr ein starker Rückgang des Wanderungssaldos zu verzeichnen, am deutlichsten bei Griechenland und Kroatien um jeweils mehr als 40 %.

Mit drei EU-Staaten war der Wanderungssaldo 2019 negativ. Die Abwanderung in diese Länder überstieg also die Zuwanderung aus ihnen. Bei Ungarn lag der Wanderungssaldo bei - 1.700 Personen, es folgten Finnland (- 97 Personen) und Portugal (- 85 Personen).


5. Aktuelle Tendenzen in der EU: Weniger Zuzüge aus Osteuropa, mehr Fortzüge aus Deutschland

Aus elf EU-Staaten kamen 2019 mehr Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit nach Deutschland als im Vorjahr. Mit jeweils 6,1 % stiegen die Zuzüge aus Großbritannien und Luxemburg im Vergleich zum Vorjahr am stärksten; beim Vereinigten Königreich dürfte die Unsicherheit über den Brexit ausschlaggebend sein. Es folgten Irland (+ 4,4 %), Dänemark (+ 3,5 %) und Belgien (+ 3,2 %).

Mit Ausnahme von Bulgarien und der Slowakei ging die Zuwanderung aus den Staaten der EU-Osterweiterung im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurück, am stärksten aus Kroatien (- 17,5 %), Ungarn (- 16,9 %) und Polen (- 10,5 %).

Bei den Fortzügen aus Deutschland gibt es einen eindeutigen Trend: In alle EU-Staaten außer Ungarn stieg der Weggang von Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit 2019 an. Am geringsten fiel die Zunahme beim Wegzug nach Slowenien (2,5 %) und Estland (4,5 %) aus, am stärksten nach Frankreich (19,9 %), Zypern (19,5%) und Litauen (18,8 %). Die Fortzüge in neun weitere EU-Staaten stiegen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls um zweistellige Prozentwerte an.

Auch bei den Fortzügen deutscher Staatsangehöriger in EU-Staaten gibt es eine klare Tendenz. In fast alle Länder nahmen die Wegzüge im Vergleich zum Vorjahr zu. Nur in sieben EU-Staaten zogen 2019 weniger Deutsche als im Vorjahr, darunter Großbritannien, das v. a. wegen des Brexit für deutsche Staatsbürger*innen als Einwanderungsland an Attraktivität verloren hat.


6. „Nahezu keine Migration mehr“: Zwischenstand 2020

Im „Corona-Jahr“ 2020 wird die Nettoeinwanderung wegen den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie weiter abnehmen. Zwischen Mitte März und Juni 2020 waren die Außengrenzen der Bundesrepublik zu den Nachbarstaaten weitgehend geschlossen. Ausnahmen galten teil- und zeitweise nur für den Warenverkehr und Berufspendler*innen (DW 2020). „Es findet im Moment wohl nahezu keine Migration mehr statt“, so Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im April 2020 (Mediendienst Integration 2020). Angesichts dieser Entwicklungen sank beispielsweise auch die Zahl der Asylerstanträge in der Bundesrepublik deutlich: Im Mai 2020 verzeichnete das BAMF im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 66,1 %. Nach der Öffnung der EU-Binnengrenzen stieg die Zahl der Asylerstanträge zwar wieder etwas an, blieb aber im August 2020 immer noch um mehr als ein Drittel unter den Zahlen des Vorjahresmonats (BAMF 2020: 4). Ob sich Zu- und Abwanderung in der zweiten Jahreshälfte weiter normalisieren, bleibt abzuwarten. Vieles hängt vom weiteren Verlauf der Corona-Pandemie und deren wirtschaftlichen Auswirkungen auf die verschiedenen Länder ab. Auch bleibt deshalb abzuwarten, wie sich die Migrationsprozesse längerfristig über 2020 hinaus verändern werden.


Nachweise

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2020: Aktuelle Zahlen. Ausgabe August 2020. https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Statistik/AsylinZahlen/aktuelle-zahlen-august-2020.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (18.09.2020).

Bundeszentrale für Politische Bildung (BpB), 2019: Wanderungssaldo pro Jahr. 08.08.2019. https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70531/wanderungssaldo (18.09.2020).

IQ Fachstelle Einwanderung (FE), 2018: Verschiedene Statistiken – verschiedene Probleme. Wanderungen Deutschland. Erfassungsformen, methodische Umstellungen und „blinde Flecken“. Kompakt 11/2018. https://www.netzwerk-iq.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Fachstelle_Einwanderung/Publikationen_2018/FE_Kompakt_11_2018_Statistik.pdf (18.09.2020).

Statistisches Bundesamt, 2020a: Migration 2019: 327 000 Personen mehr zu- als abgewandert. Pressemitteilung Nr. 237, 29.06.2020. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/06/PD20_237_12411.html (18.09.2020).

Statistisches Bundesamt, 2020b: Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland:
Deutschland, Jahre, Herkunfts-/Zielländer, Nationalität. (18.09.2020).

Deutsche Welle (DW), 2020: Corona-Live-Ticker vom 15. März: Deutschland schließt Grenzen wegen Corona-Pandemie. https://www.dw.com/de/corona-live-ticker-vom-15-m%C3%A4rz-deutschland-schlie%C3%9Ft-grenzen-wegen-corona-pandemie/a-52778180-0 (18.09.2020).

Mediendienst Integration, 2020: Corona-Pandemie und Migration. https://mediendienst-integration.de/migration/corona-pandemie.html (18.09.2020).