Geflüchtete aus der Ukraine: Folgen für die Anerkennungsberatung

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine löste eine plötzliche Fluchtbewegung in Europa aus. Auch in Deutschland haben viele Betroffene Zuflucht gefunden. Wenn Ukrainer*innen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, ist die Anerkennung ihrer beruflichen Abschlüsse ein maßgeblicher Faktor. Wie ist ihre Ausgangslage und wie reagieren die IQ Anerkennungsberatungen darauf?

Das Ausländerzentralregister erfasst knapp 1 Millionen Menschen, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges von der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind.1 Davon sind 58 Prozent zwischen 15 und 65 Jahre alt, also im erwerbsfähigen Alter.2 Wie viele von ihnen sich weiterhin in Deutschland aufhalten und wie viele anstreben, dauerhaft zu bleiben – dazu gibt es bisher noch keine verlässlichen Daten.
Geflüchtete mit ukrainischer Staatsangehörigkeit und ihre Familienangehörigen sind in Deutschland aufgrund der EU-Massenzustrom-Richtlinie als schutzberechtigt anerkannt. Sie erhalten einen vorübergehenden Aufenthaltstitel nach § 24 AufenthG, mit dem ihnen ein direkter Zugang zum Arbeitsmarkt zusteht. Seit dem Rechtskreiswechsel zum 1. Juni 2022 zum SGB II bzw. XII stehen ihnen neben staatlichen Unterstützungsangeboten zur Arbeitsförderung auch weitreichende Leistungen zur sozialen Sicherung zur Verfügung. Diese stellen wichtige Voraussetzungen für eine nachhaltig erfolgreiche (Arbeitsmarkt-)Integration dar.

Relevanz der beruflichen Anerkennung

Trotz der vergleichsweise günstigen Startbedingungen kommt der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) in einer Auswertung zu dem Schluss, dass ukrainische Geflüchteten dem Risiko ausgesetzt sind, in prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu geraten. So können beispielsweise individuelle Faktoren wie „mangelnde finanzielle und soziale Absicherung, Dequalifizierung, unzureichende Sprachkenntnisse und fehlende Kenntnis der in Deutschland geltenden Rechte und formalen Abläufe“ (Schork et al. 2022, S. 29) dazu führen, dass sie benachteiligt werden. Für eine erfolgreiche (Arbeitsmarkt-)Integration spielen neben weiteren Faktoren wie Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Beratungsangeboten zu Arbeits- und Sozialrecht die berufliche Anerkennung von Abschlüssen sowie ein passendes Qualifizierungs- und Sprachkursangebot eine entscheidende Rolle.4 Vor allem weil sie plötzlich und ohne lange Vorbereitung nach Deutschland geflüchtet sind und daher meist über wenig Kenntnisse über Rechte und formale Abläufe in Deutschland verfügen, profitieren Geflüchtete aus der Ukraine in besonderer Weise von Informations- und Beratungsangeboten für ihre gesellschaftliche und berufliche Integration – auch was die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse betrifft.5 

Folgen für die IQ Anerkennungsberatung

Die Anerkennungsberatungsstellen des Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ spüren diesen Informations- und Beratungsbedarf von Geflüchteten aus der Ukraine deutlich. In den letzten Monaten sind Anfragen von ukrainischen Staatsangehörigen sprunghaft angestiegen. Zwischen Januar 2019 und Februar 2022 hatten durchschnittlich nur 1,2 Prozent der Ratsuchenden die ukrainische Staatsangehörigkeit. Inzwischen hat sich ihr Anteil bundesweit verzehnfacht. In einzelnen Bundesländern stammt aktuell fast jede*r zweite Ratsuchende aus der Ukraine. Zwischen Februar und September 2022 wurden insgesamt 8.877 Anerkennungssuchende mit ukrainischer Staatsangehörigkeit beraten (vgl. Analyse „Ratsuchende aus der Ukraine“ der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung).

Herausforderungen für die Arbeitsmarktintegration

In den IQ Anerkennungsberatungen selbst zeigt sich, dass die meist sehr gut ausgebildeten Ratsuchenden besonders häufig über nicht nur einen, sondern mehrere Berufsabschlüsse verfügen. Die Herausforderungen für ihre berufliche Perspektive in Deutschland liegen deshalb weniger in der Qualifikation an sich, sondern in oftmals fehlenden oder nicht ausreichenden Sprachkenntnissen. Bei Mediziner*innen, Pädagog*innen und anderen reglementierten Berufen stellt sich zudem die Frage, inwieweit die in der Ukraine erworbenen Abschlüsse und Praxisphasen während der Ausbildung oder eines Studiums anerkannt werden.
Auch sind die Lebenslagen, in denen die Geflüchteten aus der Ukraine nach Deutschland kommen, vielschichtig und beeinflussen den Zugang zu Integrationsmaßnahmen. Viele Geflüchtete betreuen Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Eine Teilnahme an Integrationskursen lässt sich damit häufig schwer vereinbaren. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zählt 100.000 Menschen aus der Ukraine, die einen Integrationskurs begonnen haben.6 Damit stellen sie derzeit zwar den größten Teil der Integrationskursteilnehmenden dar. Dennoch berichten Ratsuchende in den IQ Beratungen von einem erschwerten Zugang aufgrund von Betreuungspflichten. 
Besonders herausfordernd ist die Situation für Geflüchtete aus der Ukraine ohne ukrainische Staatsangehörigkeit, sogenannte Drittstaatsangehörige. Sie müssen seit dem 1. September 2022 in der Regel innerhalb von 90 Tagen eine Aufenthaltserlaubnis beantragen, da sie sonst nach Ablauf der Frist ausreisepflichtig sind.

Reaktion in den IQ Anerkennungsberatungen

Sprachliche Hürden sind für Beratende und Ratsuchende eine zentrale Herausforderung. Beratende mit Ukrainisch- und Russischkenntnissen sind dabei stärker gefragt denn je. Beide Seiten greifen daher häufig auf kostenlose Übersetzungstools zurück. Diese können insbesondere zur Erstinformation genügen. Für eine vollumfängliche Beratung reichen sie meist jedoch nicht aus, sodass viele Beratungen mit professionellen oder ehrenamtlichen Dolmetscher*innen arbeiten. 
Zudem reagieren die IQ Anerkennungsberatungen mit unterschiedlichen Maßnahmen auf die gestiegene Anzahl an Beratungsanfragen. So haben viele Beratungsstellen vorübergehende Zusatzangebote zu regulären Sprechstunden eingerichtet. Bewährt haben sich hierbei beispielsweise Gruppenformate zur Erstorientierung und -information, wie zum Beispiel Info-Cafés (vgl. Beitrag „Gruppenberatung, Übersetzungsprogramme und Orientierungsangebote: So reagiert das IQ Netzwerk Sachsen auf die Fluchtmigration aus der Ukraine“ in diesem Newsletter). Die IQ Beratenden arbeiten häufig eng mit anderen Akteuren, wie beispielsweise Arbeitsagenturen, Flüchtlingshilfen und Welcome Centern zusammen. Vor allem zu Beginn dominierten bei Ratsuchenden oft eher allgemeine Orientierungsfragen. Seit dem Rechtskreiswechsel stellen sich bei den Ratsuchenden zunehmend konkretere Fragen zur Anerkennung ihrer beruflichen Abschlüsse. Auch berufs(gruppen)spezifische Gruppenformate haben sich bei einigen Beratungsstellen bewährt. Denn hierbei profitieren Ratsuchende und Beratende nicht nur von einer Zeitersparnis. Das Format bietet den Ratsuchenden die Möglichkeit, untereinander Kontakte zu knüpfen und sich zu weiteren Schritten auszutauschen. Weiterhin relevant bleibt allerdings in vielen Fällen trotzdem eine Einzelberatung – gerade dann, wenn die Ratsuchenden mehrere Berufsabschlüsse mitbringen oder sich konkretere Fragen im weiteren individuellen Prozess ergeben.

Die Folgen und Herausforderungen, die sich aus dem Informations- und Beratungsbedarf von Geflüchteten aus der Ukraine für die IQ Anerkennungsberatung ergeben, sowie deren Reaktionen wurden im August 2022 in einem von der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung organisierten Austauschformat besprochen. 12 der 16 IQ Landesnetzwerke waren dabei vertreten.

Mehr Informationen, Analysen und Praxhilfen für die Beratung von Menschen mit Abschlüssen aus der Ukraine finden Sie hier.

1 Stand 25.8.2022
vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) (2022): Over 967,000 people who have fled the war in Ukraine have come to Germany. URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/EN/2022/08/refugees_ukraine.html (Stand: 12.9.2022)
3 vgl. Schork, F., Loschert, F., Kolb, H. (2022): ,Zeitenwende‘ bei der Arbeitsmarktintegration? Teilhabe und Prekarität von Ukrainerinnen und Ukrainern am deutschen Arbeitsmarkt. SVR-Policy Brief 2022-3, Berlin. URL: www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/08/PB_Zeitenwende_bei_der_Arbeitsmarktintegration.pdf (Stand: 12.9.2022), S. 26ff
4 vgl. Schork, F., Loschert, F., Kolb, H. (2022): ,Zeitenwende‘ bei der Arbeitsmarktintegration? Teilhabe und Prekarität von Ukrainerinnen und Ukrainern am deutschen Arbeitsmarkt. SVR-Policy Brief 2022-3, Berlin. URL: www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/08/PB_Zeitenwende_bei_der_Arbeitsmarktintegration.pdf (Stand: 12.9.2022), S. 5
5 vgl. Bushanska, V., Böse, C., Kalinowski, M., Knöller, R., Rausch-Berhie, F., Schmitz, N. (2022): Anerkennung ukrainischer Berufsqualifikationen – Potenziale nutzen, Prozesse verbessern: Ergebnisse des BIBB-Anerkennungsmonitorings. Version 1.0 Bonn, 2022. URL: https://www.bibb.de/de/158324.php (Stand: 12.9.2022), S. 26f
6 vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2022): 100.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge in Integrationskursen. URL: www.bamf.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2022/220906-100000-kriegsgefluechtete-integrationskurs.html (Stand: 06.09.2022).


Beitrag von Ulrike Benzer und Katharina Lübstorf für den Newsletter 3/2022 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung