Migrantenökonomie „Aktuell“: Entwicklung der Migrantenökonomie 2005-2019

1. Bestandsaufnahme zur Migrantenökonomie im Jahr 2020

Im November 2020 sorgte eine Meldung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für Aufsehen, als sie verlautbarte, dass es im Jahr 2019 „Wieder mehr migrantische Gründungen“ gegeben habe als im Durchschnitt der Jahre zuvor und jede 4. Gründung durch Migrant*innen erfolgt sei.[1] In Kombination mit der erfolgreichen Testung des BioNTech Impfstoffes gegen Covid-19, einem von zwei Migrant*innen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte gegründeten  Unternehmen, geriet die Migrantenökonomie plötzlich in den Fokus der politischen, wirtschaftlichen und breiten Öffentlichkeit. Migrantenökonomie beherrschte kurzfristig die sozialen Medien.

Als sei die Migrantenökonomie plötzlich vom Himmel gefallen...

In beinahe allen Artikeln wurde pointiert, Migrantenökonomie bedeute nicht mehr allein “Dönerbuden, sondern stehe auch für wissensintensive und skalierbare Unternehmen - und so wurde per Negation das Stereotyp unfreiwillig perpetuiert. Eine Erkenntnis, die offenbar Anerkennung zollen sollte - und doch für Expert*innen frustrierend verdeutlichte, wie strukturell diskriminierend der Unternehmensgeist von Migrant*innen noch immer betrachtet und allenfalls als eine Überraschung präsentiert wurde. Welches Schattendasein für eine der Stützen der deutschen Wirtschaft. Nichtsdestoweniger gibt die allseits verbreitete Meldung, dass „etwa jede 4. Existenzgründung durch Migrantinnen und Migranten realisiert (wurde)“[2], nur bedingt die tatsächliche Bedeutung der Migrantenökonomie der letzten Jahre wieder.

Die Meldung der KfW bezog sich auf alle Gründungen im Jahr 2019 und umfasste Vollerwerbs- und Nebenerwerbsgründungen. Die Einordung wird von den Gründer*innen selbst vorgenommen und macht nicht a priori eine Aussage über die Qualität der Gründung bzw. ihren Beitrag zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts; in dem Sinne, dass eine Vollerwerbsgründung zur Sicherung des Lebensunterhaltes erfolgt, während eine Nebenerwerbsgründung nur einen (kleinen) Beitrag zum Lebensunterhalt leistet: arbeiteten Vollerwerbsgründer*innen rund 40 Stunden pro Woche, gaben Nebenerwerbsgründer*innen an, nur 10 Stunden pro Woche zu arbeiten.[3]

Allein aus diesem Grund sollte ein Blick auf die Vollerwerbsgründungen von Migrant*innen gerichtet werden, zumal diese auch in der Statistik des Mikrozensus als Selbständige und in der Gewerbeanzeigenstatistik als gewerbliche Gründungen erfasst werden.[4]Analog der Quelle der KfW erfolgte beinahe jede 3. Vollerwerbsgründung (31,5%) im Jahr 2019 von Migrant*innen und auch im Jahr zuvor war der Anteil der migrantischen Gründungen mit 30,2% nur unwesentlich geringer.

Gestützt wird diese Zahl bei der Betrachtung der Neugründungen von Einzelunternehmungen im gewerblichen Bereich: der Anteil der ausländischen Neugründungen betrug im Jahr 2019 rd. 42,9%. Daher ist davon auszugehen ist, dass mindestens die Hälfte aller Neugründungen im Jahr 2019 von Migrant*innen realisiert wurde. Aber auch diese Zahl erstaunt wenig, da der Anteil ausländischer Neugründungen in der letzten Dekade konstant über 40% lag! Die Abweichungen gegenüber dem KfW Gründungsmonitor kann u.a. damit erklärt werden, dass dieser im Vergleich zur Gewerbeanzeigenstatistik auch Gründungen in den Freien Berufen umfasst und migrantische Gründungen in den Freien Berufen nicht den Anteil erreicht wie bei den gewerblichen Gründungen.

Den Fokus auf den wachsenden Anteil an allen Selbständigen in Deutschland zu legen, wird der tatsächlichen Bedeutung der Migrantenökonomie in absoluten und prozentualen Anteilen für die deutsche Wirtschaft um vieles  gerechter. Dabei wird an dieser Stelle auf die beschäftigungs- und gesellschaftspolitischen Wirkungen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und ihre integrationsstiftende Funktion ebenso wie auf die wirtschaftspolitischen Implikationen, die Zunahme an wissensintensiven Berufen wie bei BionTech, noch nicht abgehoben.

2. Selbständige Personen in Deutschland von 2005 bis 2019

In den Jahren von 2005 bis 2019 ging die Zahl der Selbständigen in Deutschland geringfügig zurück: von rd. 3.989.000 Selbständigen auf rd. 3.957.000 Selbständige.[5] Zwar ist dieser Rückgang um 0,8% für diesen gesamten Zeitraum nur minimal, doch bezogen auf das Jahr 2012, als ein Höchststand von rd. 4.315.000 Selbständigen zu Buche stand, mit einem Minus von 8,2% beachtlich. Dieser Rückgang wäre noch drastischer ausgefallen, wenn nicht migrantische Selbständige seit dem Jahr 2005 stetig zugenommen hätten: von rund 532.000 migrantischen Selbständigen auf rund 860.000 migrantische Selbständige (+ 61,7%) im Jahr 2019.[6]

Ohne migrantische Selbständige hätte der Wirtschaftsstandort Deutschland seit 2005 einen drastischen Rückgang an Selbständigen zu verzeichnen.

Allein migrantischen Unternehmer*innen ist es zu verdanken, dass die Anzahl der Unternehmen im Jahr 2019 ein ähnliches Niveau wie im Jahr 2005 aufweist. Dadurch wuchs der Anteil migrantischer Unternehmen an allen Unternehmen von ca. 13,3% auf 21,7% oder anders ausgedrückt: war im Jahr 2005 nur mehr als jedes siebte Unternehmen der Migrantenökonomie zuzurechnen, war es im Jahr 2019 bereits jedes fünfte.

Grafik 1: Anteil Selbständiger Migrant*innen im Jahr 2005 und 2019

Grafik 2: Anteil dieser bei Erwerbspersonen, Erwerbstätigen und Selbständigen

Diese Entwicklung wird durch eine Betrachtung der Gründungsstatistik unterstrichen. In der letzten Dekade hatten ausländische Neugründungen[7] regelmäßig einen Anteil von über 40% aller Neugründungen. Eingedenk der Tatsache, dass Ausländer*innen knapp die Hälfte der Migrant*innen in der Bevölkerung ausmachen, kann davon ausgegangen werden, dass der Anteil migrantischer Neugründungen an allen Neugründungen zwischen 50 – 60% pro Jahr lag.

Für eine Einordnung dieser Zahlen ist ferner erhellend die Anteils-Entwicklung von Migrant*innen in der Bevölkerung, bei den Erwerbspersonen und bei den Erwerbstätigen mit der Entwicklung bei den Selbständigen zu vergleichen.

Dabei wird deutlich, dass Migrant*innen in allen aufgeführten Bereichen im Jahr 2019 einen höheren Anteil als im Jahr 2005 aufwiesen und dies mit einem Anstieg zwischen 8 - 9 Prozentpunkten. Für sich genommen ist in absoluten Zahlen der Anstieg migrantischer Selbständigen zwar deutlich (+ 61,7%), doch im Vergleich zu anderen Bereichen – insbesondere zu den Erwerbstätigen (+ 82,7%)nicht im Übermaß. Daraus kann auch abgeleitet werden, dass Migrant*innen nicht allein aufgrund von fehlenden Erwerbsalternativen eine Selbständigkeit aufnahmen – in absoluten Zahlen verdoppelte sich die Zahl der migrantischen abhängig Beschäftigten um rd. 5 Mio. –, sondern dass sie eine Gelegenheit genutzt haben, um in die Selbständigkeit zu gehen.

3. Wandel der Zusammensetzung der migrantischen Selbständigen nach Herkunftsländern

Eine genauere Betrachtung der Zusammensetzung der migrantischen Selbständigen nach Herkunftsländern zeigt, dass im Jahr 2005 Migrant*innen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte (11,6%) die meisten Selbständigen stellten, gefolgt von Migrant*innen mit italienischer (8,9%), die vor Migrant*innen mit polnischer Zuwanderungsgeschichte (7,7%) lagen. Migrant*innen aus Rumänien und Bulgarien (2,1%) waren relativ unbedeutend, und ihr Anteil lag unter dem der griechischen (4,8%) oder russischen (3,5%) Selbständigen. Hoch ist hingegen der Anteil der Selbständigen aus der sonstigen EU (9,3%), während Migrant*innen aus dem Nahen / Mittleren Osten (5,0%) noch nicht so sehr ins Gewicht fallen.[8]Im Jahr 2005 waren es die klassischen sog. “Gastarbeiterländer, die einen hohen Beitrag für den Unternehmensbestand der migrantischen Selbständigen leisteten.

Grafik 3: Anteil der migrantischen Selbständigen nach Herkunftsländern im Jahr 2005

Grafik 4: Anteil der migrantischen Selbständigen nach Herkunftsländern im Jahr 2019

Dieses Bild änderte sich im Verlauf der folgenden 14 Jahre. Im Jahr 2019 stellten Migrant*innen mit polnischer Zuwanderungsgeschichte (13,1%) die meisten Selbständigen, gefolgt von denen mit  türkischer (12,0%). Als ehemaliges Gastarbeiterland kamen dann – jedoch mit großem Abstand – Migrant*innen mit italienischer Zuwanderungsgeschichte (5,3%) und entgegen der weit verbreiteten Meinung  wiesen  Migrant*innen aus Rumänien und Bulgarien (5,8%) zusammen nur etwas mehr als Migrant*innen mit italienischer Zuwanderungsgeschichte an Selbständigen auf. Hingegen haben Anteil und absolute Zahl der Selbständigen aus dem Nahen/Mittleren Osten (10,8%) stark zugenommen. Die Dominanz der ehemaligen sog.Gastarbeiterländer ging deutlich zurück und Selbständige aus anderen Drittstaaten, insbesondere aus dem Nahen/Mittleren Osten traten an deren Stelle.

Eine Betrachtung der absoluten Zahlen bestätigt diesen Trend: vor allem bei Migrant*innen mit polnischer (+ 185%), rumänisch/bulgarischer (+ 355%) und auch türkischer Zuwanderungsgeschichte (+ 71%) wuchs die Zahl der selbständigen Personen stark an. Aber auch diejenigen mit russischer Zuwanderungsgeschichte (+ 139%) und vor allem aus dem Nahen/Mittleren Osten (+ 258%) haben einen überproportionalen Zuwachs zu verzeichnen – insgesamt nahmen in absoluten Zahlen migrantische Selbständige um 62% zu.

Den höchsten prozentualen Anstieg verzeichneten Selbständige aus den Herkunftsländern Rumänien/Bulgarien, Nahen/Mittleren Osten und Polen.

Grafik 5: Anstieg der selbständigen Migrant*innen nach Herkunftsländern in absoluten Zahlen (2005-2019)

Allerdings ist bei der Differenzierung nach Herkunftsländern zu beachten, dass bei einigen Personengruppen wie aus Rumänien/Bulgarien, Polen, Naher/Mittlerer Osten und auch aus Russland, die Selbständigen im Jahr 2005 in absoluten Zahlen auf einem niedrigen Niveau waren. Nichtsdestotrotz ist der Anstieg von polnischen, russischen, rumänisch/bulgarischen und Menschen aus dem Nahen/Mittleren Osten bemerkenswert, im Gegensatz zu diesen Gruppen nahmen migrantische Selbständige aus den Ländern der EU geringer zu und Selbständige mit italienischer und griechischer Zuwanderungsgeschichte blieben in absoluten Zahlen konstant.

3.1. Selbständige Migranten nach Herkunftsländern im Wandel

Eine differenzierte Analyse nach Geschlecht zeigt, dass der Anteil der Migranten an allen Selbständigen genau dem Wert aus dem Jahr 2005 entsprach (13,3%). Auch stellten im Jahr 2005 Männer mit Zuwanderungsgeschichte Türkei (13,4%) die meisten Selbständigen nach Herkunftsländern, gefolgt von italienischen (10,0%) und polnischen (7,2%) Selbständigen. Migranten aus Rumänien und Bulgarien hatten einen nahezu unbedeutenden Anteil (unter 2%), während griechische Selbständige (5,3%) und Selbständige aus der EU (außer Polen, Griechenland und Italien) noch zu erwähnen sind. Bei den Männern dominierten im Jahr 2015 eindeutig noch selbständige Migranten aus den ehemaligen sog. “Gastarbeiterländern.

Grafik 6: Anteil der selbständigen Migranten nach Herkunftsländern im Jahr 2005

Grafik 7: Anteil der selbständigen Migranten nach Herkunftsländern im Jahr 2019

Die proportionale Zusammensetzung änderte sich bei den männlichen Selbständigen bis zum Jahr 2019 signifikant. Auch wenn Selbständige mit türkischer Zuwanderungsgeschichte weiterhin den höchsten Anteil innehaben (14,1%), folgen jetzt polnische Migranten (13,6%). An dritter Stelle sind Selbständige aus dem Nahen/Mittleren Osten (11,3%) vor italienischen Selbständigen (5,7%) und Selbständigen aus Rumänien/Bulgarien (5,6%). Russische Migranten haben einen überraschend geringen (4,0%) und afrikanische Selbständige (2,8%) nehmen prozentual einen eher unbedeutenden Anteil ein. Selbständige mit Herkunftsbezug Polen und Selbständige aus dem Nahen/Mittleren Osten holten seit 2005 gegenüber Selbständigen mit Herkunftsland Türkei stark auf.

Grafik 8: Anstieg selbständiger Migranten nach Herkunftsländern in absoluten Zahlen (2005-2019)

Diese prozentuale Verschiebung unterstreicht auch der Zuwachs im absoluten Bestand der Selbständigen nach Herkunftsländern: insgesamt stieg die Zahl der männlichen migrantischen Selbständigen um 55,1%. Die höchste Zunahme verzeichneten Selbständige aus Rumänien/Bulgarien  (+ 357%), gefolgt von polnischen Selbständigen (+ 200%) und von Selbständigen aus dem Nahen/Mittleren Osten (+ 195%). Türkische Männer hatten zwar weiterhin den höchsten prozentualen Anteil an allen migrantischen Selbständigen, nahmen jedoch in absoluten Zahlen „nur“ um 35% zu.

Bei den Männern hatten Selbständige aus Rumänien/Bulgarien, Polen und dem Nahen/Mittleren Osten die prozentual am stärksten zu verzeichnenden Zuwächse – jeweils im dreistelligen Bereich.

Dieser hohe prozentuale Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass im Jahr 2005 die absoluten Zahlen der Selbständigen aus diesen Herkunftsländern auf einem niedrigen Niveau lagen – bei Rumänen/Bulgaren ca. 7.000 Selbständige und bei Polen ca. 26.000 Selbständige. Auffällig ist jedoch, dass italienische und griechische Selbständige, die im Jahr 2005 jeden sechsten selbständigen Migranten stellten, in absoluten Zahlen nur um 3.000 anstiegen.

3.2. Selbständige Migrantinnen nach Herkunftsländern im Wandel

Im Jahr 2005 hatten Migrantinnen einen Anteil von 13,3% an allen selbständigen Frauen in Deutschland und damit exakt denselben Anteil wie ihre männlichen Pendants. Eine differenzierte Analyse nach Herkunftsländern zeigt, dass polnische Migrantinnen (9,0%) die meisten Selbständigen stellten, gefolgt von türkischen (7,7%) und italienischen (6,4%) Migrantinnen. Den viertstärksten Anteil hatten  Migrantinnen mit russischer Zuwanderungsgeschichte (5,1%)  und auf Rang fünf rangierten Migrantinnen mit griechischer Zuwanderungsgeschichte (3,8%). Darüber hinaus hatten Frauen aus EU-Ländern sowie dem sonstigen Europa einen überaus hohen Anteil an den Selbständigen, während Frauen aus dem Nahen/Mittleren Osten (3,2%) und aus Amerika (5,1%) nur einen geringen Anteil aufwiesen. Damit unterschied sich die Zusammensetzung der weiblichen Selbständigen deutlich von den Männern mit Zuwanderungsgeschichte.

Grafik 9: Anteil der selbständigen Migrantinnen nach Herkunftsländern im Jahr 2005

Grafik 10: Anteil der selbständige Migrantinnen nach Herkunftsländern im Jahr 2019

Diese Rangfolge festigte sich bis zum Jahr 2019 bis auf geringe Ausnahmen. Weiterhin stellen Migrantinnen mit Zuwanderungsgeschichte aus Polen (12,3%) die meisten Selbständigen, gefolgt von denen aus der Türkei (7,7%) und Russland (7,0%). Deutlich zugenommen hat der Anteil von rumänischen / bulgarischen Migrantinnen (4,9%), während Migrantinnen aus dem ehemaligen Gastarbeiterland Italien (4,6%) eine rückläufige Tendenz hatten. Überraschend auch der hohe Anteil von selbständigen Frauen aus dem Nahen/Mittleren Osten, die jede 10. Unternehmerin bei den Migrantinnen stellen. Im Jahr 2019 konnten Selbständige mit Zuwanderungsgeschichte aus Polen ihren Anteil an allen selbständigen Frauen erhöhen, weit überraschender ist jedoch der zweite Platz von selbständigen Frauen aus dem Nahen/Mittleren Osten.

Grafik 11: Anstieg selbständiger Migrantinnen nach Herkunftsländern in absoluten Zahlen 2005-2019

Diese Verfestigung der Struktur wird durch die absoluten Zahlen bestätigt: insbesondere bei den an erster und dritter Stelle liegenden Polinnen (+ 150%) und Russinnen (+ 150%) nahm die Selbständigkeit stark zu, während bei Türkinnen zwar ein hoher (+ 83%), aber nicht ähnlich starker Anstieg zu verzeichnen war. Den höchsten Zuwachs zeigten allerdings selbständige Frauen aus dem Nahen / Mittleren Osten mit einem Plus von 480% - aber auch bei Frauen aus Rumänien/Bulgarien ist die Selbständigkeit stark gestiegen, so dass im Jahr 2019 rd. 14.000 Frauen aus diesen beiden Ländern einer Selbständigkeit nachgingen. Aufgrund dieser starken Zuwächse ist es nicht verwunderlich, dass insgesamt ein prozentualer Anstieg von 77% über alle selbständigen Migrantinnen im Zeitraum von 2005 bis 2019 zu konstatieren ist.

Bei den Frauen hatten insbesondere Frauen aus dem Nahen/Mittleren Osten und aus Polen wie aus Russland hohe dreistellige prozentuale Zuwächse bei den absoluten Zahlen zu verzeichnen – wobei bei Frauen der Anstieg insgesamt deutlich über den ihrer männlichen Pendants lag.

3.3. Der Vergleich nach Geschlecht

Eine differenzierte Betrachtung des Anteils der Selbständigen nach Geschlechtern zeigt, dass es erhebliche Unterschiede bei der Gewichtung nach den Herkunftsländern gibt, dies betrifft vor allem Selbständige aus der Türkei, Russland, Italien, Afrika und dem Nahen/Mittleren Osten. Auffallend insbesondere der unterschiedliche Anteil der Geschlechter bei den türkischen und russischen selbständigen Migrant*innen.

Grafik 12: Anteil der selbständigen Migrantinnen nach Geschlechtern im Vergleich im Jahr 2005

Grafik 13: Anteil der selbständigen Migrant*innen nach Geschlechtern im Vergleich im Jahr 2019

Auch im Jahr 2019 blieben erhebliche Unterschiede bei der Bedeutung der Herkunftsländerund vor allem bei zwei Ländern verfestigten sich die Unterschiede aus dem Jahr 2005: der Türkei und Russland. Im Gegensatz glich sich anteilsmäßig die Bedeutung der Selbständigkeit differenziert nach Geschlechtern in Polen, Italien und dem Nahen/Mittleren Osten an, wobei vor allem der Anteil der selbständigen Frauen aus dem Nahen/Mittleren Osten überrascht.

Interessant ist zudem die unterschiedliche Rollenverteilung innerhalb der Geschlechter: während polnische Männern und Frauen sowie Selbständige aus dem Nahen/Mittleren Osten ähnlich hohe Anteile aufweisen, sind die Unterschiede bei türkischen, russischen und amerikanischen Selbständigen sehr deutlich. Während türkische Frauen gegenüber ihren männlichen Pendants einen geringen Anteil aufweisen, ist dies bei den Selbständigen aus Russland und Amerika der Fall. Dort ist der Frauenanteil bei den Selbständigen deutlich höher als bei den Männern. Ob die Gründe hierfür in „Geschlechterrollen“ oder unterschiedlichen „Bildungsgraden“ zu finden sind, oder ob andere Gründe die Ursache für diese Differenzen sind, müsste in vertiefenden Studien analysiert werden.


[1] KfW Research, Volkswirtschaft Kompakt: „Wieder mehr migrantische Gründungen“, Nr. 205 vom 12.11.2020

[2] KfW Research, Volkswirtschaft Kompakt: „Wieder mehr migrantische Gründungen“, Nr. 205 vom 12.11.2020

[3] Die Stundenzahl bezieht sich auf den Median; dies ist der Wert, der die kleineren 50 % von den größeren 50 % der Werte trennt. Beträgt der Median 40 Stunden bedeutet dies, dass 50 % der Vollerwerbsgründer*innen mehr als 40 Stunden und 50 % weniger als 50 Stunden arbeiten.

[4] Bei der Gewerbeanzeigenstatistik ist allerdings die Einschränkung zu machen, dass diese zwischen deutschen und ausländischen Gründer*innen unterscheidet und nicht nach dem Migrationshintergrund, so dass eingebürgerte Gründer*innen oder Gründer*innen der 2. Generation mit deutschem Pass nicht zu den ausländischen Gründer*innen zählen.

[5] Mikrozensus, verschiedene Jahrgänge seit 2005; Destatis, Wiesbaden

[6] Mikrozensus, verschiedene Jahrgänge; betrachtet werden Migrant*innen im weiteren Sinne: es werden auch Personen erfasst, die nicht im Haushalt der Eltern leben, dies gilt für die Jahre 2005, 2009, 2013, 2017ff.

[7]Bei der Gewerbeanzeigenstatistik werden die Gründungspersonen nach Pass unterschieden, nicht nach Migrationshintergrund. Ebenso werden bei der Gewerbeanzeigenstatistik die Freien Berufe nicht erfasst.

[8] Jedoch muss hinzugefügt werden, dass im Mikrozensus 2005 noch eine hohe Zahl von „unbestimmten Selbständigen“ ausgewiesen ist.