Mechthild Gerigk-Koch

2.1.1 Kluge Menschen diskriminieren nicht, den anderen ist es verboten!1)

Benachteiligung beim Zugang zum Arbeitsmarkt – und was dagegen hilft. Erfahrungen aus der Praxis der Landesantidiskriminierungsstelle Rheinland-Pfalz

Das AGG sieht keine Verpflichtung an Länder und Kommunen zur Einrichtung lokaler Antidiskriminierungsstellen vor. So unterliegt es dem politischen Willen vor Ort, wie stark sie sich für einen niedrigschwelligen und kompetenten Diskriminierungsschutz für Betroffene mit einer entsprechenden Anlaufstelle einsetzen. Ein gutes Beispiel für eine engagierte Stelle auf Länderebene ist die Antidiskriminierungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz. Ihre Leiterin, Mechthild Gerigk-Koch, gibt Einblicke in die alltägliche Arbeit der Landesstelle und zeigt am Beispiel eines Projekts zu Anonymisierten Bewerbungsverfahren und weiterer Ansätze, wie in der und durch die Verwaltung konkret Barrieren und Diskriminierungen abgebaut werden können.

Im August 2016 wurde das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zehn Jahre alt. Es formuliert Verbote und Gebote, schafft Verpflichtungen und sichert Rechte – und wurde in diesen zehn Jahren auch vielfach kritisiert – zu schwach ausgestattet bei den Sanktionen, zu begrenzt in den Geltungsbereichen, kein gleiches Schutzniveau für alle Benachteiligungsgründe, das so genannte Kirchenprivileg und vieles mehr (s. auch Beitrag Gekeler in diesem Dossier). Jüngst aber hat die Veröffentlichung der ersten Ergebnisse aus der bundesweiten Befragung durch die Bundesantidiskriminierungsstelle (ADS) deutlich gemacht: Das AGG liegt im Grundsatz richtig (s. auch Beitrag Lüders et al. in diesem Dossier).

In diesem Beitrag geht es um Benachteiligungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt unter einer zweigeteilten Perspektive: Die Landesantidiskriminierungsstelle Rheinland-Pfalz (LADS) ist Anlaufstelle für Menschen, denen Benachteiligung widerfahren ist, und erfährt so, welchen Diskriminierungen Menschen ausgesetzt sein können und welche Erwartungen sie in Bezug auf die Lösung ihres Problems haben. Die LADS hat darüber hinaus zusammen mit Partnern für die Dauer von fast vier Jahren ein Pilotprojekt durchgeführt, ausgewertet und dokumentiert, das sich mit dem Zugang zum Arbeitsmarkt befasste: „Chancengleich bewerben – anonymisiertes Bewerbungsverfahren in Rheinland-Pfalz“.

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz:
Genau hinsehen ...

Eine Bewerberin für die Stelle einer Erzieherin in einer städtischen Kita wird abgelehnt mit dem Hinweis auf ihr Kopftuch. Eine Bewerberin für eine Tätigkeit mit Einsätzen im Außendienst wird abgelehnt, weil sie junge Mutter ist. Der Mitarbeiter einer Firma findet an seinem Spind ein großes Hakenkreuz und den Zusatz „Behinderte wurden früher ...“. Eine Transsexuelle wird aufgrund ihrer Geschlechtsumwandlung vom Aufstieg in eine Leitungsposition ausgeschlossen. Ein Kaufhausdetektiv verliert seinen Arbeitsplatz, als der Arbeitgeber erfährt, dass der Mitarbeiter Sinto ist. Das alles sind echte Beispiele für Benachteiligungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder in einem bestehenden Arbeitsverhältnis. Es geht hier um Benachteiligung aus Gründen der Religion (Kopftuch), des Geschlechts in Kombination mit dem Alter (junge Mutter), einer Behinderung (Schmiererei am Spind), der ethnischen Herkunft (Sinto), der sexuellen beziehungsweise geschlechtlichen Identität (Transsexualität). Aber: Nur, wenn das im Gesetz festgelegte Zeitfenster von zwei Monaten für die Einreichung einer Klage noch offen ist, kann Gegenwehr gelingen, nur, wenn das Risiko des Konflikts mit dem Arbeitgeber tragbar erscheint, ist das AGG tatsächlich eine Option.

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Autorin:

Mechthild Gerigk-Koch
ist Soziologin, Politologin und Publizistikwissenschaftlerin (M.A.). Von 1989 bis 2011 war sie Referatsleiterin im Stab der damaligen Beauftragten der Landesregierung für Migration und Integration Rheinland-Pfalz. Dort war sie unter anderem zuständig für das Handlungsfeld Interkulturelle Öffnung und Interkulturelle Kompetenz. Seit 2012 leitet sie die Landesantidiskriminierungsstelle Rheinland-Pfalz und verantwortet die Federführung für die ressortübergreifende „Strategie Vielfalt der Landesregierung Rheinland-Pfalz“.

Weitere Inhalte, die Sie in der PDF finden können:

Wut, Ratlosigkeit, Ohnmacht – oder was?

Stark für Entscheidungen

Darf es ein bisschen mehr sein?

Das anonymisierte Bewerbungsverfahren

Einladung zum Selbsttest: Jetzt mal ehrlich ...

Wie werden Erfahrungen sichtbar?

Die Ergebnisse

Die Grenzen

Der Gewinn

Zwei Strategien – ein Ziel

Fazit


Webseiten

Netzwerk diskriminierungsfreies Rheinland-Pfalz

LADS Rheinland-Pfalz

Anmerkungen

1) Angelehnt an ein Hinweisschild zum Radfahren am Strand von Eckernförde.