Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit von Arbeitsmarktkrise besonders stark betroffen

Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus auf den deutschen Arbeitsmarkt und auf die Arbeitsmarktintegration von Arbeitnehmer*innen ohne deutsche Staatsangehörigkeit


Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland ist vom Export abhängig (Bundeszentrale für politische Bildung 30.04.2019). Bedingt durch internationale Handelskonflikte und die Abkühlung der globalen Konjunktur stagnierte der Welthandel bereits 2019. Die Maßnahmen, die zur Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus ergriffen wurden, haben das öffentliche Leben in Deutschland innerhalb kürzester Zeit für einige Monate weitgehend zum Erliegen gebracht. Gesunkene Nachfrage, Lieferschwierigkeiten und weltweite Produktionsstopps führen zu weiteren Einbrüchen der Wirtschaftsleistung und hinterlassen deutliche Spuren in allen Bereichen der Wirtschaft – nicht nur in Deutschland. So brach weltweit die Wirtschaft ein und die Arbeitslosenzahlen stiegen. Besonders betroffen von der Krise auf dem Arbeitsmarkt sind Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Die genauen Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt sind derzeit schwer abzuschätzen und hängen stark von Dauer und Ausmaß der Einschränkungen ab. Es ist davon auszugehen, dass die einzelnen Wirtschaftszweige und Branchen, die unterschiedliche Arten der Beschäftigung (z.B. Minijobs, Arbeitnehmerüberlassung) sowie die unterschiedlichen Gruppen von Beschäftigten (Arbeitnehmende mit deutscher Staatsangehörigkeit, EU-Staatsangehörige, Erwerbstätige aus Drittstaaten oder erwerbstätige Geflüchtete, Männer und Frauen) in unterschiedlicher Art und Weise von den Veränderungen des Arbeitsmarktes betroffen sein werden. Die Veränderungen wirken sich unmittelbar auch auf die Arbeitsmarktintegration von Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit aus, da diese in besonderer Hinsicht von Arbeit und Einkommen in Deutschland abhängig sind. Daher wird die IQ Fachstelle Einwanderung diese Veränderungen und Effekte analytisch begleiten und zeitnah die Trends der Entwicklung und Auswirkung auf die Integration in Arbeit und Gesellschaft sukzessive aufzeigen und aufarbeiten.


Aktuelle zentrale Erkenntnisse

  • Die deutsche Wirtschaft zeigte bereits 2019 eine stagnierende Entwicklung. Insgesamt wurde das ganze Jahr über ein moderates saison- und kalenderbereinigtes Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,5 % erzielt. Im ersten Quartal 2020 schrumpfte das BIP um 2,2 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
  • EU-Staatsangehörige und Staatsangehörige der EU-Osterweiterungsstaaten (EU-11) sind von der stagnierenden Wirtschaftsentwicklung 2019 und von der durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus einsetzenden Arbeitsmarktkrise am stärksten betroffen.
  • Im krisenanfälligen Wirtschaftsbereich „Arbeitnehmerüberlassung“ sehen derzeit insbesondere viele Staatsangehörige der Asylherkunftsstaaten bzw. der EU-Osterweiterung (EU-11) ihre Arbeitsstellen gefährdet.
  • Im Geschlechtervergleich sind geflüchtete Frauen stärker von den aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt betroffen als geflüchtete Männer. Bei den Unionsbürger*innen ist der Trend umgekehrt: Mehr Männer sind neu arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet als Frauen.

Entwicklung der Zahl Arbeitssuchender und Arbeitsloser

Krisenbedingte Veränderungen des Arbeitsmarktes wirken sich unmittelbar auf den Arbeitsstatus von Beschäftigten aus. Ein Hinweis auf einen wirtschaftlichen Abschwung sind steigende Zahlen bei den Zugängen frühzeitiger Arbeitssuchendmeldungen. Beschäftigte mit auslaufenden Beschäftigungsverhältnissen werden bis zur Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses als nichtarbeitslose Arbeitssuchende erfasst. Ein Beschäftigungsabbau infolge einer Rezession lässt sich zuerst an steigenden Zugangszahlen von frühzeitigen Arbeitssuchendmeldungen ablesen (BA 2020c: 46). Dazu zeitlich versetzt lässt sich bei einer Rezession der Anstieg von Arbeitslosigkeit verzeichnen, der anhand der Erhöhung der Zugangs- und Bestandszahlen von Arbeitslosengeld-Empfänger*innennachverfolgt werden kann. Ob und wie Eingewanderte von den aktuellen Entwicklungen betroffen sind, zeigen wir im Folgenden auf.

Im Vergleich mit Arbeitnehmenden mit deutscher Staatsangehörigkeit sind Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit stärker von dem krisenbedingten Anstieg der Meldungen zur Arbeitssuche und Arbeitslosigkeit betroffen. Aber auch innerhalb der Gruppe von eingewanderten Beschäftigten existieren wesentliche Unterschiede im Hinblick auf die Betroffenheit durch die aktuellen Entwicklungen. Derzeit sind Beschäftigte aus der EU und insbesondere aus den EU-Osterweiterungsstaaten von den negativen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt am stärksten betroffen: Sie weisen im Mai 2020 die stärkste prozentuale Zunahme sowohl Arbeitssuchender als auch Arbeitsloser gegenüber dem Vorjahr auf. Geflüchtete hingegen weisen die geringste anteilige Zunahme Arbeitssuchender auf; anteilmäßig ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter ihnen jedoch ebenfalls besonders hoch.

Entwicklung bundesweiter und regionaler Zahlen Arbeitssuchender

Die Corona-Krise erreichte bereits im April 2020 den deutschen Arbeitsmarkt. Zwischen März und April 2020 stiegen die Zahlen der Arbeitssuchenden bei allen untersuchten Gruppen stark an und lagen teilweise im zweistelligen Prozentbereich über dem Vorjahreswert. Im Mai 2020 nahm die Zahl Arbeitssuchender erneut stark zu. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt spüren Beschäftigte aus der EU am deutlichsten, was die Frage nach ihren Beschäftigungsformen und -branchen aufwirft. Der prozentuale Anstieg der Anzahl Arbeitssuchender gegenüber dem Vorjahr lag in der Gruppe der EU-Staatsangehörigen im Mai 2020 deutlich über den Werten der Drittstaatsangehörigen und Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Deutschlandweit waren im Mai 2020 insgesamt 3.264.741 Personen oder 69 % aller Arbeitssuchenden deutsche Staatsangehörige. Der Anteil der Drittstaatsangehörigen an der Gesamtzahl der Arbeitssuchenden betrug 21,6 %, 8,9 % aller Arbeitsuchenden waren Unionsbürger*innen. In allen untersuchten Gruppen stieg die Zahl arbeitssuchender Personen im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Die Entwicklung in den Zahlen der Arbeitssuchenden verlief jedoch bereits 2019 auf eine sehr unterschiedliche Art: Lediglich unter den Beschäftigten aus der EU führte die Wirtschaftsstagnation 2019 auch bereits 2019 zu steigenden Zahlen der Arbeitssuchenden. Während im Januar 2019 noch alle Gruppen prozentuale Abnahme in den Zahlen der Arbeitssuchenden gegenüber dem Vorjahr verzeichneten, was auf die gute wirtschaftliche Entwicklung 2018 zurückging, stiegen die Zahlen arbeitssuchender EU-Staatsangehöriger seit Mai 2019 und Staatsangehöriger der EU-Osterweiterung bereits seit April 2019 über die Vorjahreswerte.

Die anderen Gruppen wiesen dagegen bis in den März 2020 stets Werte auf, die unter den Vorjahreswerten lagen.

Auf Regionalebene sind große Disparitäten zwischen den Bundesländern festzustellen. Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg verzeichneten im Mai 2020 die höchsten, Bremen, das Saarland und Sachsen-Anhalt die niedrigsten Zuwächse arbeitsuchender EU-Staatsangehöriger gegenüber dem Vorjahr. Baden-Württemberg und Bayern wiesen mit Hessen zusätzlich noch die höchsten Anteile arbeitssuchender Unionsbürger*innen an allen Arbeitssuchenden im jeweiligen Bundesland auf. Bei den Drittstaatsangehörigen verzeichneten Baden-Württemberg, Bayern und Berlin im gleichen Monat die höchsten Zuwächse. In Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt sanken dagegen die Zahlen arbeitssuchender Drittstaatsangehöriger gegenüber dem Vorjahr. Bremen, Hessen und Hamburg wiesen im Mai 2020 die höchsten, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt die niedrigsten Anteile arbeitssuchender Drittstaatsangehöriger an allen Arbeitssuchenden auf.

Entwicklung bundesweiter und regionaler Zahlen Arbeitsloser

Deutschlandweit waren im Mai 2020 insgesamt 1.963.904 oder 69,8 % aller Arbeitslosen deutsche Staatsangehörige. Die prozentualen Zuwächse gegenüber dem Vorjahr lagen in allen untersuchten Gruppen deutlich über den Zuwächsen bei den Zahlen der Arbeitssuchenden. Wie bereits unter den Arbeitssuchenden, verzeichneten EU-Staatsangehörige und insbesondere der EU-Osterweiterungsstaaten im Mai 2020 mit 43,4 % bzw. 46,3 % die höchsten Zuwächse an Arbeitslosen gegenüber dem Vorjahresmonat.

Auf der Regionalebene wiesen wiederum Baden-Württemberg, Bayern und Hessen die höchsten und die ostdeutschen Bundesländer Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg die niedrigsten Anteile arbeitsloser EU-Staatangehöriger an allen arbeitslosen Personen auf. Bei den prozentualen Zuwächsen gegenüber dem Vorjahr verzeichnete jedoch Mecklenburg-Vorpommern neben Bayern und Baden-Württemberg das stärkste Wachstum. Die höchsten Anteile arbeitsloser Drittstaatsangehöriger wiesen Bremen, Hessen und Hamburg, die niedrigsten Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen auf. Die stärksten Zuwächse gegenüber dem Vorjahresmonat verzeichneten Bayern, Baden-Württemberg und Berlin; die geringsten Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Sachsen.

Unter allen Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit verzeichneten im Mai 2020 süddeutsche Bundesländer überdurchschnittliche Anteile und Zuwächse arbeitssuchender bzw. arbeitsloser Personen. Ostdeutsche Bundesländer mit Ausnahme von Berlin wiesen dagegen überwiegend unterdurchschnittliche Anteile und Zuwächse auf.

Die unterschiedliche Betroffenheit der einzelnen Einwanderungsgruppen durch die Entwicklungen  auf dem Arbeitsmarkt werden durch die Betrachtung der Entwicklung der Zahlen von Arbeitssuchenden und Arbeitslosen im zeitlichen Verlauf sichtbar.

Veränderungen der Zahlen von Arbeitssuchenden im zeitlichen Verlauf

EU-Staatsangehörige und insbesondere aus den EU-Osterweiterungsstaaten sind im Vergleich zu Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit sowie zu Drittstaatsangehörigen deutlich stärker von der Krise am Arbeitsmarkt betroffen.

Die Entwicklung in den Zahlen der Arbeitssuchenden verlief bereits 2019 auf eine sehr unterschiedliche Art. Während im Januar 2019 noch alle Gruppen prozentuale Abnahme in den Zahlen der Arbeitssuchenden gegenüber dem Vorjahr verzeichneten, was auf die gute wirtschaftliche Entwicklung 2018 zurückging, stiegen die Zahlen arbeitssuchender EU-Staatsangehöriger seit Mai 2019 und Staatsangehöriger der EU-Osterweiterung bereits seit April 2019 über die Vorjahreswerte. Die anderen Gruppen wiesen bis in den März 2020 dagegen stets absolute Zahlen auf, die unter den Vorjahreswerten lagen. Der prozentuale Anstieg der Anzahl Arbeitssuchender gegenüber dem Vorjahr lag in der Gruppe der EU-Staatsangehörigen im Mai 2020 deutlich über den Werten der Drittstaatsangehörigen und der Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Lediglich unter den Beschäftigten mit EU-Staatsangehörigkeit führte die Wirtschaftsstagnation 2019 auch bereits zu steigenden Zahlen der Arbeitssuchenden. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt spüren beschäftigte EU-Staatsangehörige ebenfalls am deutlichsten, was die Frage nach ihren Beschäftigungsformen und den Branchen, in denen sie tätig sind, aufwirft.

Veränderungen der Zahlen von Arbeitslosen im zeitlichen Verlauf

Staatsangehörige aus den Staaten der EU-Osterweiterung sind auch am stärksten von der aktuellen Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland betroffen.

Bei den Arbeitslosenzahlen konnten im April 2020 die Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen deutlich beobachtet werden. In allen untersuchten Gruppen stieg die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahresmonat im zweistelligen Prozentbereich. Besonders hoch fiel der Anstieg wiederum unter den EU-Staatsangehörigen und insbesondere unter den Staatsangehörigen der EU-Osterweiterung aus.

Für EU- und Drittstaatsangehörige zeichnete sich bereits ab Mai 2019 ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen ab, womöglich als erste Auswirkung der wirtschaftlichen Stagnation. Während deutsche Arbeitnehmer bis März 2020 sinkende Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahresniveau aufwiesen und demnach von der wirtschaftlichen Stagnation in 2019 nicht betroffen waren, verzeichneten Staatsangehörige der Asylherkunftsstaaten bereits seit Januar 2019 und Personen aus der EU- und Drittstaaten seit Mai 2019 stets höhere Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr. Es kann angenommen werden, dass die Entwicklung in den nächsten Monaten ähnlich verlaufen wird, nämlich dass Eingewanderte ohne deutsche Staatsangehörigkeit stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sein werden.

Arbeitsmarktdaten werden von der BA nicht nach Aufenthaltsstaus, sondern nach Staatsangehörigkeit erfasst. Die acht nichteuropäischen Länder Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Islamische Republik Iran, Pakistan und die Arabische Republik Syrien werden als „Asylherkunftsländer“ geführt.

Anmerkung: Der Zuwachs registrierter arbeitsloser Personen aus den Asylherkunftsstaaten zwischen Januar und Mai 2019 könnte teilweise auch in der Besonderheit der rechtlichen Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktzugangs für diese Personengruppe liegen. Erst mit Erhalt des rechtlichen Arbeitsmarktzugangs werden sie zum ersten Mal als Arbeitssuchende und Arbeitslose in der Statistik der BA erfasst, bevor sie in Beschäftigung kommen.

Zahlen Arbeitssuchender und Arbeitsloser nach Geschlecht

Die krisenbedingten Veränderungen treffen nicht nur unterschiedliche Beschäftigungsgruppen nach ihrer Herkunft in ungleicher Weise, sondern auch nach ihrem Geschlecht. So sind Frauen aus den Asylherkunftsstaaten deutlich stärker von den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt betroffen als Männer. Unter den Beschäftigten aus der EU ist der Trend umgekehrt.

Im Geschlechtervergleich sind arbeitssuchende und arbeitslose Frauen aus Drittstaaten und insbesondere aus den Asylherkunftsstaaten deutlich stärker von den aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt betroffen als Männer aus diesen Staaten. Der höhere Anstieg der Arbeitslosenzahlen bei den Frauen deutet darauf hin, dass sie in Berufszweigen arbeiten, die stärker von der Krise betroffen sind bzw. generell schneller entlassen werden als Männer. Bei den Unionsbürger*innen ist der Trend umgekehrt: Mehr Männer sind neu arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet als Frauen. Diese unterschiedliche Betroffenheit ist unter den Staatsangehörigen aus den Staaten der EU-Osterweiterung noch deutlich stärker ausgeprägt.

Bis März 2020 fielen oder stagnierten bei allen untersuchten Gruppen die absoluten Zahlen Arbeitssuchender und Arbeitsloser, was mit der saisonalen Frühjahresbelebung zusammenhängt, die aufgrund der stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung 2019 jedoch schwächer ausgefallen sind. Verglichen mit den Vorjahreswerten, konnte jedoch lediglich unter der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit die prozentuale Abnahme beobachtet werden.

Im Mai 2020 waren deutschlandweit insgesamt 2.573.144 Männer und 2.156.364 Frauen als arbeitssuchend gemeldet. Unter den Staatsangehörigen aus den Asylherkunftsstaaten ist bei den Zahlen arbeitssuchend gemeldeter Personen eine erhebliche Disparität zwischen den Geschlechtern festzustellen. In dieser Gruppe waren im Mai 2020 fast doppelt so viele männliche Personen arbeitssuchend gemeldet. Die prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat fiel bei weiblichen Arbeitssuchenden der sogenannten Asylherkunftsstaaten mit + 5,6 % jedoch wesentlich höher aus. Die einzige Gruppe unter allen untersuchten Gruppen, die anteilig weniger Arbeitssuchende gegenüber dem Vorjahr verzeichnete, war mit -1,1 % die Gruppe männlicher Staatsangehöriger der Asylherkunftsstaaten.

Bei den Arbeitslosenzahlen ergibt sich ein ähnliches Bild. Generell fällt der Anstieg der Arbeitslosenzahlen unter der männlichen Bevölkerung höher aus; unter ihnen bei den männlichen EU-Staatsangehörigen und Staatsangehörigen der EU-Osterweiterungsstaaten am höchsten aus. Die einzige Ausnahme bildet die Gruppe der Staatsangehörigen der Asylherkunftsstaaten. Unter der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit fällt der Anstieg der Arbeitslosenzahlen gegenüber dem Vorjahresmonat am geringsten aus. Womit die Besonderheit unter den Staatsangehörigen der Asylherkunftsstaaten zu erklären ist, sollte zum Gegenstand einer weiteren Untersuchung werden.

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Aktuelle Entwicklung in der Arbeitnehmerüberlassung

Viele Eingewanderte arbeiten in der Arbeitnehmerüberlassung. Die Branche weist erhebliche regionale Disparitäten auf und ist zugleich ein guter Indikator für die Entwicklung des Arbeitsmarktes. Denn bei einer stagnierenden oder rückläufigen Produktion und Kapazitätsauslastung in den Unternehmen wird vor der Entlassung der Stammbelegschaft der Einsatz von Leiharbeiter*innen eingeschränkt. Entsprechend melden Arbeitgeber in dieser Branche bei einem wirtschaftlichen Abschwung weniger Stellen. Wie Eingewanderte von den aktuellen Entwicklungen betroffen sind, zeigen wir im Folgenden auf.

Regionale Bestandszahlen offener Arbeitsstellen in der Arbeitnehmerüberlassung

Die Nachfrage nach Arbeitskräften in der Arbeitnehmerüberlassung schwächt sich sichtbar ab. Im Mai 2020 hat der bundesweite Stellenbestandin der Arbeitnehmerüberlassung gegenüber dem Vorjahresmonat saisonbereinigt um 76.125 auf 165.476 Stellen abgenommen (eigene Berechnungen nach BA 2020a).

Auf der Ebene der Bundesländer sind insgesamt hohe Disparitäten bei den Bestandszahlen festzustellen. Dies ist durch unterschiedliche Wirtschaft- und Unternehmensstruktur und die daraus resultierenden Bedarfe in den einzelnen Bundesländern bedingt und spiegelt sich in den Zahlen der Beschäftigten bzw. der Veränderungen gegenüber dem Vorjahr bei den Stellenbeständen und Stellenzugängen wieder.

Im aktuellen Berichtszeitraum Mai 2020 verzeichneten alle Bundesländer eine Abnahme der gemeldeten Bestandszahlen an Arbeitsstellen im Wirtschaftszweig Überlassung von Arbeitskräften. Am deutlichsten verringerten sich die Bestandszahlen in Hamburg, Baden-Württemberg und im Saarland.

Regionale Zugangszahlen offener Arbeitsstellen bei der Arbeitnehmerüberlassung

Eine im Vergleich zu den Bestandszahlen bessere Abbildung der Einstellungsbereitschaft in der Arbeitnehmerüberlassung liefern die Zahlen der Stellenzugänge. Im Wirtschaftsabschwung wird aufgrund von rückläufiger Produktion und Kapazitätsauslastung zunächst die Inanspruchnahme von Arbeitnehmerüberlassung eingeschränkt bevor die Entlassungen unter den Stammbelegschaften in Betracht gezogen werden. Stellenzugänge und Beschäftigung bei den Arbeitnehmerüberlassungen nehmen bei einer Rezession ab.

Die bundesweite Zahl der Stellenzugänge in der Arbeitnehmerüberlassung verringerte sich im Mai 2020 gegenüber dem Vorjahresmonat um 47,7 % (- 25.371) auf insgesamt 27.840 Stellen (eigene Berechnungen nach BA 2020a). Auch hier sind hohe regionale Disparitäten bei den Zugangszahlen im betroffenen Wirtschaftszweig zu beobachten. Alle Bundesländer verzeichneten im Mail 2020 eine Abnahme der gemeldeten Stellenzugänge, die größte prozentuale Abnahme gegenüber dem Vorjahr wiesen Brandenburg, Schleswig-Holstein und Berlin auf. Das Bundesland mit der zweithöchsten prozentualen Verringerung der Bestandszahlen Baden-Württemberg verzeichnete ebenfalls eine überdurchschnittliche Abnahme bei den Stellenzugängen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Arbeitnehmerüberlassung nach Staatsangehörigkeit

Was bedeutet konkret die Verringerung der Einstellungsbereitschaft in der Arbeitnehmerüberlassung bzw. die Einschränkung der Inanspruchnahme von Arbeitnehmerüberlassung für Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit? Hierzu vergleichen wir die Veränderung der Anteile der in der Branche beschäftigten Personen unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten.

In absoluten Zahlen stellen die Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit die absolute Mehrheit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassung. Anteilig an der Gesamtzahl aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der jeweiligen Herkunftsgruppe, sehen jedoch überdurchschnittlich viele Staatsangehörige der Asylherkunftsstaaten bzw. Staaten der EU-Osterweiterung (EU-11) zeitnah an den Ausbruch der Rezession ihre Arbeitsstellen gefährdet. Sofern die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland in den kommenden Monaten sich weiterhin verschlechtert, werden die Arbeitslosenquoten unter den Staatsangehörigen dieser beiden Gruppen weiterhin überdurchschnittlich stark steigen.

Arbeitsmarktdaten werden von der BA nicht nach Aufenthaltsstaus, sondern nach Staatsangehörigkeit erfasst. Die acht nichteuropäischen Länder Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Islamische Republik Iran, Pakistan und die Arabische Republik Syrien werden als „Asylherkunftsländer“ geführt.

 

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Gesamtwirtschaftliche Eckdaten

In der EU-27 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um durchschnittlich 3,3 %, wobei Irland auf der einen Seite ein Plus von 1,2 % und Frankreich sowie Italien ein Minus von 5,3 % bzw. Spanien ein Minus von 5,2 % verzeichneten (Eurostat 2020). Das BIP der Vereinigten Staaten sank im ersten Quartal 2020 um 4,8 % (Bureau of Economic Analysis, 29.04.2020). Die Arbeitslosenquote stieg zwischen März und April 2020 von 4,4 % auf 14,7 % an, sank im Mai auf 13,3 %, blieb jedoch weiterhin beim höchsten Niveau seit der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren. Im Mai 2020 waren insgesamt 21 Millionen Amerikaner*innen arbeitslos gemeldet (U.S. Bureau of Labor Statistics, 05.06.2020). Auch die zweitgrößte Wirtschaft der Welt China verzeichnete im ersten Quartal einen Rückgang des BIP um 9,8 % (NBS 2020a). Die Quote städtischer Arbeitslosen stieg zwischen Januar und April 2020 von 5,3 % auf 6 % an (NBS 2020b).

Mit 74,8 % aller deutschen Exporte (Statistisches Bundesamt 2019) nimmt die Bedeutung der Eurozone und der beiden größten Wirtschaften sowohl für die Weltkonjunktur, als auch für die deutschen Exporte und letztlich für die Beschäftigung in Deutschland eine zentrale Rolle ein.

In Deutschland stagnierte nach einem Plus von 0,5 % im ersten Quartal 2019 das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in den darauffolgenden zwei Quartalen und kam im vierten Quartal gänzlich zum Erliegen. Für das gesamte Jahr 2019 wurde ein moderates saison- und kalenderbereinigtes Wachstum von 0,5 % erzielt (Statistisches Bundesamt 2020a). Die im Zuge der Corona-Pandemie ergriffenen Maßnahmen erfahren durch die Effekte aus dem Ausland eine Potenzierung und werden im Verlauf des Jahres 2020 zum Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung sowie zu steigender Arbeitslosigkeit führen (Gemeinschaftsdiagnose 1-2020: 33f).

Seit Juli 2019 lag das ifo Geschäftsklima bei Lage und Erwartungen der Unternehmen unter dem Indexwert von 2015. Im April 2020 ist es bei der Bewertung der Lage im Vergleich zum Februar um 19,4 Punkte und bei den Erwartungen um 23,7 Punkte eingebrochen. Der ifo Geschäftsklimaindex ist im Vergleich zu Februar um insgesamt 21,7 Punkte auf 74,3 Punkte auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert eingebrochen. Es ist auch der stärkste jemals gemessene Rückgang. Die Einschätzung der Unternehmen über die Geschäftslage und Ausblick auf die kommenden Monate hat sich deutlich verschlechtert. Es ist zu erwarten, dass aufgrund der Corona-Krise sowie durch einbrechende Nachfrage, Lieferschwierigkeiten und weltweite Produktionsstopps, der deutsche Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten einem sehr starken Druck ausgesetzt sein wird.

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Ausblick

Die aufgezeigten Entwicklungen und Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise auf einzelne Gruppen von Beschäftigten nach Herkunftsland und Geschlecht werden weiterhin vertieft und ausdifferenziert erfasst und analysiert. Dabei soll insbesondere den Fragen nachgegangen werden, welche Wirtschaftszweige von den aktuellen Entwicklungen am stärksten betroffen sind und wie sich dies auf die einzelnen Einwanderungsgruppen auswirkt.

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Kontakt

Paul Becker,
p.becker[at]minor-kontor.de

Redaktion

Paul Becker, Doritt Komitowski, Sophie Meiners, Johannes Remy


Referenzen

[BA] Bundesagentur für Arbeit 2020a: Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit. Zeitreihe gemeldete Arbeitsstellen und darunter im Wirtschaftszweig Überlassung von Arbeitnehmern. (Stichtag: 09.06.2020).

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020b: Beschäftigte nach Staatsangehörigkeiten (Quartalszahlen). Deutschland, Länder und Kreise. Juni 2019.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020c: Frühindikatoren für den Arbeitsmarkt. Berichte: Analyse Arbeitsmarkt (Monatszahlen). Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020d: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Deutschland. Januar 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020d1: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Deutschland. Februar 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020d2: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Deutschland. März 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020d3: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Deutschland. April 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020d4: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Deutschland. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Baden-Württemberg. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e1: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Bayern. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e10: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Rheinland-Pfalz. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e11: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Saarland. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e12: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Sachsen. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e13: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Sachsen-Anhalt. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e14: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Schleswig-Holstein. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e15: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Thüringen. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e2: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Berlin. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e3: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Brandenburg. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e4: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Bremen. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e5: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Hamburg. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e6: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Hessen. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e7: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Mecklenburg-Vorpommern. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e8: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Niedersachsen. Mai 2020.

[BA] Bundesagentur für Arbeit, 2020e9: Migrationsmonitor (Monatszahlen). Land Nordrhein-Westfalen. Mai 2020.

[BEA] Bureau of Economic Analysis, 29.04.2020: Gross Domestic Product, 1st Quarter 2020 (Advance Estimate). https://www.bea.gov/news/2020/gross-domestic-product-1st-quarter-2020-advance-estimate

[BLSa] U.S. Bureau of Labor Statistics, 05.06.2020: Civilian unemployment https://www.bls.gov/charts/employment-situation/civilian-unemployment.htm

[BLSb] U.S. Bureau of Labor Statistics, 05.06.2020: Civilian unemployment rate https://www.bls.gov/charts/employment-situation/civilian-unemployment-rate.htm

[BMAS] Bundesministerium für Arbeit und Soziales 14.05.2020: Weitere Hilfen für Arbeitnehmer. Bundestag hat das Zweite Sozialschutzpaket verabschiedet. Pressemitteilung des Ministeriums. https://www.bmas.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/sozialschutzpaket-ii-weitere-hilfen-fuer-arbeitnehmer.html

[BMAS] Bundesministerium für Arbeit und Soziales 30.04.2020: Die Corona-Krise erreicht den Arbeitsmarkt. Pressemitteilung des Ministeriums. www.bmas.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/arbeitsmarktzahlen-april-2020.html

[BMAS] Bundesministerium für Arbeit und Soziales 31.03.2020: Zahl der Kurzarbeitsanzeigen vervielfacht sich. Pressemitteilung des Ministeriums. www.bmas.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/arbeitsmarktzahlen-maerz-2020.html

[NBS] National Bureau of Statistics of China 2020a: Gross Domestic Product. Growth Rate. http://data.stats.gov.cn/english/easyquery.htm?cn=B01

[NBS] National Bureau of Statistics of China 2020b: The Urban Surveyed Unemployment Rate (%). http://data.stats.gov.cn/english/easyquery.htm?cn=A01

Bundeszentrale für Politische Bildung 30.04.2019: Entwicklung des deutschen Außenhandels. Export, Import und Exportüberschuss in absoluten Zahlen, 1995 bis 2018. https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52842/aussenhandel

CNBC 29.04.2020: Powell says the economy will likely need more support from the Fed for the recovery to be ‘robust’. www.cnbc.com/2020/04/29/powell-says-the-economy-will-likely-need-more-support-from-the-fed-for-the-recovery-to-be-robust.html

Eurostat 2020: Bruttoinlandsprodukt. Veränderung in Prozent. https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/teina011/default/table?lang=de

Gemeinschaftsdiagnose, 1-2020: Wirtschaft unter Schock - Finanzpolitik hält dagegen. Frühjahr 2020. München. www.gemeinschaftsdiagnose.de/2020/04/08/wirtschaft-unter-schock-finanzpolitik-haelt-dagegen/

Statistisches Bundesamt 2019: Außenhandel. Zusammenfassende Übersichten für den Außenhandel (Endgültige Ergebnisse), S.33. www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Aussenhandel/_inhalt.html#sprg236150

Statistisches Bundesamt 2020a: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Bruttoinlandsprodukt (BIP). www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/Tabellen/bip-bubbles.html

Statistisches Bundesamt 2020b: Wirtschaftliche Auswirkungen – Statistiken mit Bezug zu COVID-19. https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Wirtschaft/kontextinformationen-wirtschaft.html

Tagesspiegel 18.04.2020: Jetzt werden die sozialen Folgen der Coronakrise deutlich. www.tagesspiegel.de/wirtschaft/arbeitslosigkeit-in-china-steigt-an-jetzt-werden-die-sozialen-folgen-der-coronakrise-deutlich/25747522.html