Zweite Chance für internationale Jurist*innen: durch Qualifizierung zum beruflichen Neustart

Der berufliche Einstieg in Deutschland ist für Jurist*innen aus dem Ausland oft hürdenreich (vgl. unseren Newsletter-Beitrag zu „(Un-)Möglichkeiten der Anerkennung von juristischen Berufen in Deutschland“). Allerdings können zielgruppenspezifische Qualifizierungen den Weg in eine qualifikationsnahe Beschäftigung erleichtern. Bundesweit gibt es ein Spektrum an Angeboten, die jeweils auf unterschiedliche berufliche Einsatzbereiche abzielen. Wir haben beispielhaft drei Anbieter dazu befragt, welche Vorteile und Perspektiven ihre Maßnahme den Teilnehmenden bietet und welche Herausforderungen sich in der Umsetzung ergeben.

Magister-Aufbaustudiengang im deutschen Recht (LL.M.)

Wer als Jurist*in aus dem Ausland gezielt Fachkenntnisse im deutschen Recht oder der Rechtsvergleichung erwerben möchte, findet an mehreren deutschen Hochschulen meist einjährige Studiengänge zum Erwerb des Postgraduierten-Abschluss „Master of Laws“ (Magister Legum/LL.M.). Im Magister-Studiengang „LL.M. für im Ausland graduierte Juristinnen und Juristen“ derRuhr-Universität Bochum können neben allgemeinen Grundlagen des deutschen Rechts auch spezielle Kenntnisse in sieben Schwerpunktthemen, wie z.B. Familien- oder Arbeitsrecht, erworben werden. Hendrik Schwarz vom Zentrum für Internationales (ZfI) der Juristischen Fakultät beschreibt die Maßnahme wie folgt:
 

Vorteile für die Teilnehmenden:

„Ursprünglicher Gedanke des Magisterstudiengangs ist, Jurist*innen mit einem ausländischen Abschluss vertiefte Kenntnisse in einem selbstgewählten Rechtsgebiet sowie in der wissenschaftlichen Arbeit zu vermitteln, sodass die Absolvent*innen befähigt werden, selbstständig Vergleiche zu ihrem eigenen Rechtskreis zu ziehen. Idealerweise bietet das Studium damit Chancen für eine Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen dem deutschen Recht und dem Recht des jeweiligen Heimatlandes.
In den letzten Jahren ist der Trend zu beobachten, dass sich verstärkt Jurist*innen mit Fluchthintergrund aus Syrien, Afghanistan und dem Irak bewerben, die sich hierüber einen Zugang zu einer Beschäftigung im juristischen Bereich erhoffen. Dies ist nicht ohne Weiteres möglich. Die Absolvent*innen können allerdings durch die Kombination rechtlicher und sprachlicher Kenntnisse z. B. für die öffentliche Verwaltung interessant sein.“

Herausforderungen in der Umsetzung:

„Neben verschiedenen administrativen Herausforderungen ist vor allem die Sprachbarriere hervorzuheben. Da die Studierenden deutschsprachige Veranstaltungen aus dem regulären Kursangebot besuchen, müssen sie in der Lage sein, den Vorlesungen sprachlich zu folgen und die Inhalte anschließend schriftlich oder in mündlicher Prüfung angemessen zu verarbeiten. Dies ist trotz hoher Anforderungen an den formellen Sprachnachweis (z.B. Telc C1 Hochschule) häufiger Frustpunkt bei Studierenden wie Dozierenden.“

Brückenmaßnahme für den Berufseinstieg ohne Anerkennung

Über die Brückenmaßnahme „Ready-Steady-Go!des IQ Netzwerks Hessen wiederum können Jurist*innen mit einer ausländischen Qualifikation ihre fachlichen und berufssprachlichen Kenntnisse auffrischen – mit dem Ziel, im Anschluss auch ohne berufliche Anerkennung auf dem juristischen Arbeitsmarkt oder im wirtschaftlichen Sektor Fuß zu fassen. Die Projektleiterin Irina Lagutova vom Träger beramí berufliche Integration e.V. stellt die Vorteile und Herausforderungen der Maßnahme aus ihrer Sicht dar:

Vorteile für die Teilnehmenden:

„Migrant*innen mit juristischem Hochschulabschluss aus dem Ausland haben durch das Qualifizierungsangebot die Möglichkeit, ihre im Ausland erworbenen Fachkenntnisse aufzufrischen und neues deutschlandspezifisches Fachwissen gemäß ihrer Qualifikation zu erwerben. Mit Hilfe von branchenbezogenen Trainings, die entsprechend den aktuellen Bedarfen auf dem Arbeitsmarkt für Jurist*innen konzipiert wurden, werden die Teilnehmenden gezielt auf die Integration in den Arbeitsmarkt vorbereitet. Durch die integrierte fachbezogene Sprachförderung explizit für die Zielgruppe der Jurist*innen erweitern sie ihre Sprachkenntnisse, die sie für die Arbeit im juristischen und wirtschaftsrechtlichen Bereich benötigen. Nicht zuletzt vermitteln wir mit Hilfe von Trainings zur Arbeitsmarktorientierung Kenntnisse zum Bewerbungsprozedere in Deutschland, die die Teilnehmenden in dieser Form aus ihren Heimatländern oft nicht mitbringen.“

Herausforderungen in der Umsetzung:

„Für Jurist*innen mit Hochschulabschluss aus dem Ausland ist eine Tätigkeit in Deutschland mit hohen Hürden verbunden. Daher besteht die Herausforderung, die das Projekt als solches mit sich bringt, darin, ausgehend von den individuellen Voraussetzungen der Teilnehmenden berufsnahe Beschäftigungsfelder zu identifizieren, in denen sie ihre Qualifikationen und Erfahrungen als Jurist*innen in Wirtschaftsunternehmen o.ä. einbringen können. Bei der Umsetzung der Brückenmaßnahme wurden wir zusätzlich mit der Herausforderung konfrontiert, geeignete Wege zu finden, um die Teilnehmenden auf dieses Ziel vorzubereiten. Dazu gehört u. a. die Stärkung des Selbstbewusstseins, das aufgrund der durch die Migration entstandenen oder damit verbundenen unterbrochenen Erwerbsbiografien oft beeinträchtigt wird.“

Vorbereitung auf die Externenprüfung für Rechtsanwaltsfachangestellte

Das IQ Netzwerk Sachsen-Anhalt bietet einen weiteren Weg: Im Rahmen einer zweijährigen Qualifizierung können sich interessierte Jurist*innen aus dem Ausland auf die Prüfung des deutschen Berufs der*des Rechtsanwaltsfachangestellten vorbereiten. Damit eröffnen sich Perspektiven auf Niveau einer beruflichen Ausbildung, bspw. in einer Rechtsanwaltskanzlei, bei gesetzlichen Krankenkassen, Rentenversicherungen, Inkassounternehmen oder bei Unternehmen mit angeschlossener Inkassoabteilung. Michael Heine vom Europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft gGmbH fasst Vorteile und Hürden der Qualifizierung für Juristinnen und Juristen auf die Prüfung zur/zum Rechtsanwaltsfachangestellten wie folgt zusammen:

Vorteile für die Teilnehmenden:

„Die Teilnehmenden werden fachlich und sprachlich auf die Abschlussprüfung der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt zum*zur Rechtsanwaltsfachangestellten vorbereitet. Bei erfolgreichem Bestehen dieser Prüfung erlangen sie einen deutschen Berufsabschluss, der es ihnen ermöglicht, weiterhin (wie bereits in ihren Herkunftsländern) im Bereich Recht beruflich tätig zu sein. Der angebotene Fachunterricht wird durch fachbezogenen Deutschunterricht flankiert, der den Teilnehmenden das zur Ausübung des Berufs notwendige Sprachniveau nachweislich vermittelt.  Während ihrer Praktika in Rechtsanwaltskanzleien bekommen die Teilnehmenden erste Einblicke in den beruflichen Alltag und können zugleich Kontakte zu Rechtsanwält*innen für ihre spätere berufliche Integration aufnehmen.“

Herausforderungen in der Umsetzung:

„Das Lehren und Lernen abstrakter und komplexer (rechtlicher) Zusammenhänge verlangt sowohl von den Dozierenden als auch von den Teilnehmenden viel Geduld und Rücksichtnahme. Sachverhalte unterschiedlicher Art, die für viele Auszubildende in der regulären Berufsausbildung selbstverständlich in Sozialisation und bisheriger Bildung vermittelt und erlernt wurden und also oftmals vorausgesetzt werden, bedürfen bei den Teilnehmenden einer eigenen, zusätzlichen Erläuterung und Erklärung. Insbesondere auf der sprachlichen Ebene noch vorhandene Defizite erschweren die Vermittlung von Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten im Beruf des*der Rechtsanwaltsfachangestellten. Nicht zuletzt ist das deutsche Recht für die Teilnehmenden sehr abstrakt und das Verständnis für das deutsche Rechtssystem muss erst nach und nach entwickelt werden.“

Beitrag von Anna-Lena Mainka und Laura Roser für den Newsletter 1/2020 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung