Gesucht und gefunden? Qualifizierungen für neu einreisende Fachkräfte

Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes haben wir uns gefragt: Welche Herausforderungen stellen sich bei der Qualifizierung in reglementierten und nicht reglementierten Berufen und welche Lösungsansätze wurden dafür entwickelt? Die Fachstelle Beratung und Qualifizierung hat deshalb ein Austauschformat mit Vertreter*innen der IQ Landesnetzwerke zum Finden und Konzipieren von bedarfsgerechten Angeboten im Kontext des §16d Aufenthaltsgesetz durchgeführt.  Die wichtigsten Ergebnisse sind hier zusammengefasst. 

Finden und Konzipieren von bedarfsgerechten Qualifizierungsmaßnahmen

Personen mit einem Aufenthaltstitel nach §16d Aufenthaltsgesetz sind immer häufiger in der IQ Anerkennungsberatung vertreten. Zu den 407 Erstberatungen zwischen März 2020 und Dezember 2021 kommen insgesamt 847 Folgeberatungen hinzu. An einer IQ Qualifizierung nahmen von März 2020 bis Dezember 2021 insgesamt 450 Personen mit Aufenthaltsstatus nach §16d Aufenthaltsgesetz teil, wobei die Anzahl 2021 deutlich anstieg (vgl. Abb. 1). 

Mit 93 % haben die meisten der bis Ende 2021 in IQ Qualifizierungen eingetretenen Personen mit Aufenthaltsstatus nach §16d Aufenthaltsgesetz einen Referenzberuf aus dem reglementierten Bereich und lediglich 7 % einen nicht reglementierten. In diesen IQ Qualifizierungen sind Pflegefachkräfte mit 212 Personen am häufigsten vertreten. Darunter fallen die Berufe Pflegefachmann*frau, Gesundheits- und Krankenpfleger*in, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger*in. An zweiter Stelle der häufigsten Berufe stehen mit 131 Personen die Ärzt*innen (117 Personen), Fachärzt*innen, Zahnärzt*innen und Tierärzt*innen. Bei nicht reglementierten Berufen tun sich keine Berufsgruppen als besonders häufige hervor. Vertreten sind u.a. die Berufe der Elektroniker*in, Beton- und Stahlbetonbauer*in und Kosmetiker*in in IQ Qualifizierungen. Aufgrund der zahlenmäßigen Differenz und der Unterschiede der Anerkennungsverfahren macht es Sinn die reglementierten und nicht reglementierten Berufe getrennt voneinander zu betrachten in Bezug auf Herausforderungen und Lösungsansätze beim Finden und Konzipieren von bedarfsgerechten Qualifizierungen.

Herausforderungen und Lösungsansätze im reglementierten Bereich

Bei den Fachkräften mit reglementierten Berufen, die nach §16d Aufenthaltsgesetz nach Deutschland einreisen zum Zweck der Qualifizierung, gibt es grundsätzlich die gleichen Herausforderungen wie bei bereits in Deutschland lebenden Zugewanderten und EU-Bürger*innen. Dabei stellt insbesondere das Erreichen des für die Berufszulassung erforderlichen Sprachniveaus eine Hürde dar, die im Rahmen des  §16d Aufenthaltsgesetz auch aufenthaltsrechtlich relevant werden kann. Dies ist z.B. der Fall, wenn aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse der Aufenthaltstitel abläuft und nicht mehr verlängert werden kann bevor die Berufszulassung erfolgt ist. Um die Sprachkenntnisse der zugewanderten Fachkräfte um das für den Beruf relevante Vokabular zu erweitern, bieten berufsspezifische Sprachkurse Unterstützung. In einigen reglementierten Berufen müssen für die Berufszulassung besonders hohe Sprachniveaus wie C1 oder C2  erreicht werden, z. B. bei Ärzt*innen und reglementierten pädagogischen Berufen.

Allerdings stehen zumeist nicht genügend Angebote für Sprachkurse auf den Niveaus C1 und C2 zur Verfügung. Bei reglementierten Berufen sollte deshalb sichergestellt werden, dass berufsspezifische Sprachkurse in ausreichender Zahl und für alle relevanten Bereiche verfügbar sind. Daneben kann es vor allem bei berufsbegleitenden Qualifizierungen vorkommen, dass Sprachkurse zeitlich und/oder örtlich nicht mit der Erwerbstätigkeit vereinbar sind. Flexible, web-basierte Angebote können hier in gewissem Maße Abhilfe schaffen. In jedem Fall ist die Unterstützung durch Erklärungen und Geduld der Kolleg*innen und Vorgesetzten im Arbeitsalltag besonders hilfreich, um Gelerntes einzuüben und neue berufsrelevante Terminologien zu erlernen. 

Eine große Herausforderung im Kontext der Fachkräfteeinwanderung stellt die fachfremde Beschäftigung während der Qualifizierung zur Sicherung des Lebensunterhalts dar, die bis zu 10 Stunden pro Woche möglich ist (siehe vgl. §16d Abs.1 S.4 AufenthG). Damit die zugewanderte Fachkraft den Ausgleich festgestellter Defizite durch die Qualifizierung (zügig) erreichen kann, ist eine Erwerbstätigkeit im Fachbereich zu bevorzugen. Bei bestimmten reglementierten Berufen, wie der Pflege, ist dies besonders gut möglich. In anderen Berufen sollte sie zumindest geprüft werden. In jedem Fall sollten bei der Erstellung des Qualifizierungsplans die notwendigen zeitlichen Ressourcen für die Lebensunterhaltssicherung berücksichtigt werden, um aufenthaltsrechtliche Probleme durch Verzögerungen in der Qualifizierung zu vermeiden. 

Eine weitere Herausforderung stellt sich dadurch, dass nicht zu jeder Zeit in jedem Bundesland für die berufliche Anerkennung und damit für den Aufenthalt in Deutschland notwendige Qualifizierungen für alle Berufe angeboten werden. Die IQ interne (und externe) Vermittlung von Qualifizierungen in andere Bundesländer kann jedoch Schwierigkeiten bereiten aufgrund der aufwendigeren Suche und der Nachrangigkeitsprüfung. Das macht es für neu einreisende Fachkräfte noch schwieriger, eine passende Qualifizierung zu finden und sich anzumelden. Sowohl die Flexibilität als auch die Verfügbarkeit von Qualifizierungen kann sich allerdings deutlich erhöhen durch die Erweiterung des Angebots von bundeslandübergreifenden Qualifizierungen. Im Bereich der reglementierten Berufe wurden bspw. bundeslandübergreifende Qualifizierungen erfolgreich im Bereich der Tiermedizin und der Hebammen umgesetzt.

Herausforderungen und Lösungsansätze bei nicht reglementierten Berufen

Die Herausforderungen beim Finden und Konzipieren von Qualifizierungen bei nicht reglementierten Berufen unterscheiden sich deutlich von denjenigen im reglementierten Bereich. Die zumeist individuellen Qualifizierungspläne in Berufen, die in der Zuständigkeit der Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie den Handwerkskammern (HWK) liegen, können Vorteile mit sich bringen. Erstens, wenn nur wenige Unterschiede der im Ausland erworbenen Qualifikationen zu dem deutschen Referenzberuf festgestellt wurden, können sie (sehr) kurz sein und schnell zur beruflichen Anerkennung führen. Außerdem können sie zeitlich und örtlich flexibel gehandhabt werden. Gleichzeitig können die individuellen Qualifizierungserfordernisse die Komplexität bei der Suche und Konzeption von Qualifizierungen deutlich erhöhen. Während Bildungsträger zur Vermittlung von theoretischen Inhalten, wie Kammern und Berufsschulen, relativ leicht zu finden sind, stellt die Vermittlung in Betriebe für Praxisphasen eine große Herausforderung dar. Das Projekt Unternehmen Berufsanerkennung (UBA) bemüht sich darum, Unternehmen und Fachkräfte mit ausländischen Bildungsabschlüssen zusammenzubringen mit Hilfe der UBAconnect-Datenbank. Es können sich Unternehmen registrieren, die bereit sind, diese Fachkräfte zu beschäftigen und zu qualifizieren. Dieses Matching wird aktuell von Berufen in der Zuständigkeit von IHK auf Berufe im Zuständigkeitsbereich der HWK ausgeweitet.

Vor allem kleinere und mittlere Handwerksbetriebe im ländlichen Raum zögern, Engagement und finanzielle Mittel in die Qualifizierung zuwandernder Fachkräfte zu investieren, obwohl sie vom Fachkräftemangel besonders betroffen sind. Die Konkurrenz um Fachkräfte unter den Betrieben nährt die Sorge, dass sich zugewanderte Fachkräfte nach erreichter Anerkennung  in urbanere Regionen oder andere Bundesländer wegbewerben. Dabei kann die Nutzung von überbetrieblichen Qualifizierungsverbünden für die Konzeption und Umsetzung von individuellen Qualifizierungen gerade für kleinere und mittlere Handwerks- und Industriebetriebe in ländlichen Räumen  besonders gewinnbringend sein.

Zur Unterscheidung reglementierter und nicht reglementierter Berufe:

Bei reglementierten Berufen ist die Ausübung der Tätigkeit durch Rechts- und Verwaltungsvorschriften an den Besitz bestimmter Berufsqualifikationen gebunden. 
Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen ist zwingende Voraussetzung dafür, den Beruf auszuüben oder einen bestimmten Berufstitel führen zu dürfen.

Bei nicht reglementierten Berufen ist der Berufszugang oder die Berufsausübung an keine bestimmten staatlichen Vorgaben geknüpft, weshalb der Beruf von EU-Bürger*innen und Personen aus Drittstaaten, die einen Aufenthaltstitel führen, der zur Erwerbstätigkeit berechtigt, generell ohne staatliche Berufszulassung ausgeübt werden kann. 

Zur Qualifizierung und beruflichen Anerkennung von einwandernden Fachkräften aus Drittstaaten:
Staatsangehörige aus Drittstaaten, die für die Ausübung einer Beschäftigung nach Deutschland kommen möchten und nicht bereits in Deutschland oder der EU aufenthaltsberechtigt sind, müssen eine als gleichwertig anerkannte Berufsqualifikation vorweisen, um einen Aufenthaltstitel für eine Tätigkeit als Fachkraft nach §18 Aufenthaltsgesetz zu erhalten.

Für Drittstaatsangehörige bei denen eine teilweise Gleichwertigkeit der beruflichen Qualifikation zu einem deutschen Referenzberuf festgestellt wurde, ist ein zeitlich begrenzter Aufenthalt zum Zweck der Qualifizierung nach §16d Aufenthaltsgesetz mit dem Ziel, die berufliche Anerkennung in Deutschland zu erhalten, möglich. Dementsprechend bedeutsam ist es für Drittstaatsangehörige, dass die zur beruflichen Anerkennung führende Qualifizierung vor dem endgültigen Ablauf des Aufenthaltstitels nach §16d durchgeführt werden kann.
 

Die Komplexität durch die individuellen Qualifizierungspläne und die Schwierigkeiten beim Finden von Praxispartnern verursacht Folgeprobleme, wie Unklarheit über die Gesamtkosten der Qualifizierung bei der Einreise und eine lange Dauer der Qualifizierung um die berufliche Anerkennung zu erlangen. Beides kann dazu führen, dass aufenthaltsrechtliche Probleme im Rahmen des §16d Aufenthaltsgesetzes entstehen, da die Fachkraft die Qualifizierung zur Anerkennung nicht in der durch das Visum vorgegebenen Zeit abschließen kann. Beim Anfertigen der Qualifizierungspläne ist deshalb darauf zu achten, dass sie aussagekräftig sind und sehr deutlich beschreiben, welche Praxisphasen und Theoriephasen durchlaufen werden müssen. Bei der Umsetzung muss berücksichtigt werden, welche Zeiten und Kapazitäten für Praxis und Theorie benötigt werden und ob eine eventuelle zusätzliche Erwerbstätigkeit zur Lebensunterhaltssicherung eingeplant werden sollte. Insgesamt ist es bei der Konzeption und Umsetzung von Qualifizierungen mit dem Ziel der beruflichen Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse im nicht reglementierten Bereich ratsam die kontinuierliche Abstimmung mit den Kammern zu suchen.

Ausblick

Die Verfügbarkeit und die Zeit für Sprachkurse sowie die Vereinbarkeit von fachfremder Erwerbstätigkeit mit der Qualifizierung stellen bei reglementierten Berufen Herausforderungen dar. Bei nicht reglementierten Berufen ist es in erster Linie die Komplexität der Konzeption und Umsetzung der individuellen Qualifizierungen. Hier Bedarf es in besonderem Maße des weiteren Erfahrungsaustauschs zur Konzeption von Qualifizierungen, dem Teilen von Beispielen zu Qualifizierungsplänen und deren Umsetzung im nicht reglementierten Bereich. Generell sind der Informationsaustausch und die Abstimmung  zwischen zugewanderten Fachkräften, Beratenden und Qualifizierungsträgern, zuständigen Stellen sowie Arbeitgebern, die Qualifizierungen anbieten (möchten), präventiv als auch qualitätssichernd von großer Bedeutung.

Sowohl bei reglementierten als auch bei nicht reglementierten Berufen stellt die Finanzierung der Qualifizierung und die Sicherung des Lebensunterhalts eine große Herausforderung dar und wird regelmäßig zum Hemmnis auf dem Weg zur beruflichen Anerkennung. Neben der Regelförderung der Bundesagentur für Arbeit gibt es weitere Finanzierungsmöglichkeiten, die während der Qualifizierung genutzt werden können. Die Verfügbarkeit von Finanzierungsmöglichkeiten ist jedoch abhängig vom Profil der Fachkraft und dem Bundesland, in dem sie ihren Wohnsitz hat. Dadurch wird das Auffinden von finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten erschwert. Um einen Überblick über Finanzierungsmöglichkeiten, deren Leistungen und Anforderungen an berechtigte Fachkräfte zu geben, wird die Fachstelle Beratung und Qualifizierung im Herbst eine entsprechende Arbeitshilfe publizieren. 


Beitrag von Dr. Christiane Heimann für den Newsletter 2/2022 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung.