Interview mit der Zentralen Servicestelle Berufsanerkennung (ZSBA)

Die Vielfalt macht’s – ZSBA zieht Bilanz nach einem außergewöhnlichen ersten Jahr

Seit etwas mehr als einem Jahr berät die Zentrale Servicestelle Berufsanerkennung (ZSBA) Fachkräfte, die im Ausland leben, zu Möglichkeiten der beruflichen Anerkennung. Im Interview zieht Dominik Keindorf, Leiter der ZSBA, eine erste Bilanz – und beleuchtet Schnittstellen in der vielfältigen Akteurslandschaft und die Bandbreite an Beratungsanliegen.

Die Zentrale Servicestelle Berufsanerkennung (ZSBA) ist Anfang 2020 als Beratungsstelle ganz neu geschaffen worden und musste die Kooperation mit einem breiten Feld von Akteuren im Anerkennungsbereich etablieren. Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit diesen Akteuren angelaufen?

Tatsächlich stellte und stellt die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Akteuren der Anerkennungslandschaft in Deutschland eine der wesentlichen Herausforderungen der ZSBA dar. Zunächst galt es, diese zu identifizieren, Zuständigkeiten abzustecken und dann natürlich die Zusammenarbeit und Schnittstellen zu definieren.
Grundsätzlich positiv ist ja der Umstand, dass alle Akteure ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen. Auf dieser Basis laufen wir mit unseren Kooperationsanfragen meist offene Türen ein, und eine Zusammenarbeit mit gegenseitigem Gewinn, vor allem aber im Sinne der neuen Fachkräfte, ist zügig etabliert. Dabei haben andere Beratungseinrichtungen (z.B. im IQ Netzwerk), Anerkennungsstellen, Außenhandelskammern oder Agenturen für Arbeit, um nur einige Beispiele zu nennen, natürlich jeweils unterschiedliche Strukturen und Bedürfnisse und sind auch jeweils in sich zum Teil regionenspezifisch organisiert.
Unsere Aufgabe und Herausforderung ist es nun, die Vielzahl an Schnittstellen und Spezifikationen zu überblicken und daraus für die Anerkennungsinteressierten die richtigen Strategien abzuleiten. Hier sind wir aber inzwischen hervorragend aufgestellt.

Angesichts der Corona-Pandemie haben viele Anerkennungsberatungsstellen einen Einbruch der Anfragen erlebt. Auch bei der Fachkräfteeinwanderung war im Jahr 2020 vieles nicht möglich. Wie haben sich die Anfragen bei der ZSBA seit Start ihrer Beratungstätigkeit entwickelt?

Das ging uns ganz ähnlich. Nach einem zunächst stetigen Anstieg der Beratungsanfragen aus dem Ausland nach dem Start der ZSBA im Februar 2020, brachen diese mit Corona stark ein. War und ist dies auch schade, so gab dieser Umstand uns aber die Chance, unsere internen Prozesse, unser Wissensmanagement und unsere Schnittstellenkonzepte zu verfeinern und mit den verbleibenden anfragenden Fachkräften im Echtbetrieb zu erproben. Inzwischen steigt die Anfragequantität seit Längerem wieder ordentlich an.

Können Sie uns etwas zum Hintergrund der Anfragen bei der ZSBA erzählen – aus welchen Herkunftsländern kommen Ihre Ratsuchenden mehrheitlich, welchen beruflichen Hintergrund bringen sie mit und an welchem Punkt im Anerkennungsprozess stehen sie? 

Bisher haben wir Menschen aus fast 100 Ländern beraten, wobei sich aktuell die Türkei, Marokko und Bosnien und Herzegowina als vorrangige Herkunftsländer abzeichnen. Die Branchen mit den meisten Anfragen sind akademische und nicht-akademische Heilberufe, Ingenieur*innen und IHK-Berufe. Die Anliegen und Beratungsbedarfe der Anerkennungsinteressierten sind vielfältig. In der Regel streben sie danach, ihre Lebenssituation zu verbessern und wenden sich mal mehr und mal weniger gut vorinformiert an die ZSBA. Das Spektrum der Beratungen beläuft sich somit auf eine Spannbreite zwischen allerersten Orientierungen für Menschen ohne Deutschkenntnisse und mit noch sehr vagen Migrationsabsichten und solchen, die bereits fließend Deutsch sprechen, alle Antragsunterlagen zusammengestellt und einen interessierten Arbeitgeber gefunden haben, aber vielleicht noch ein Qualifizierungsangebot benötigen. Darunter befinden sich ebenfalls Menschen, die aufgrund der Corona-Pandemie keinen Botschaftstermin bekommen, die eine Prüfung im Heimatland absolviert, aber keine eigentliche Ausbildung haben, die ausgezeichnet qualifiziert sind, sich aber darum sorgen, ob und wie die Familie einen Umzug in ein anderes Land verkraftet, oder auch Menschen, die ganz tragische Schicksale als Begründung für ihren Veränderungswunsch vortragen.

Häufig wird Anerkennungssuchenden nach Antragstellung eine teilweise Gleichwertigkeit ihrer ausländischen Qualifikation mit der deutschen Qualifikation beschieden bzw. sie erhalten einen Bescheid mit Auflagen. Welche Hürden erleben Sie beim Übergang dieser einreisewilligen Fachkräfte mit Teilanerkennung in passende Bildungsmaßnahmen?

Ein sogenannter Defizitbescheid ist, nach unserer Erfahrung, das mit Abstand häufigste Ergebnis eines Anerkennungsverfahrens. Dann die passende Bildungsmaßnahme am passenden Ort zu finden, ist in der Tat eine Herausforderung in der Beratung und Verfahrensbegleitung. Wir begegnen dieser, indem wir – im Rahmen unserer Standortberatung – bereits von Anfang an potentielle Verfügbarkeiten in den Zielregionen mit einfließen lassen. Neben unserer eigenen Datenbank arbeiten wir hierbei sehr eng mit den IQ Landesnetzwerken zusammen. Ist es auch nicht immer ganz leicht, so finden wir, in der Regel gemeinsam mit dem IQ Netzwerk, meist eine passende Maßnahme. Bei der Suche nach betrieblichen Anpassungsmaßnahmen unterstützt uns der Internationale Personalservice der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), bei der wir angesiedelt sind.
Hinzu kommen mitunter finanzielle Fragen während der Umzugs- und Qualifizierungsphase. Es gibt zwar Unterstützungsmöglichkeiten (zum Beispiel im Kontext des Qualifizierungschancengesetzes), aber auch hier gilt es, im Einzelfall den richtigen Weg herauszuarbeiten, und verbindliche Zusagen können wir als reine Beratungsinstitution nie machen.
An dieser Stelle im Verfahren ist der individuelle Beratungs-, Recherche- und Ressourceneinsatz extrem hoch, und wir sind sehr froh über die gute Kooperation zwischen dem IQ Netzwerk und der ZSBA.

Was ist Ihr Fazit aus dem ersten Jahr ZSBA? Welche weiteren Entwicklungen erwarten Sie für 2021?

Es war ein turbulentes erstes Jahr in der ZSBA mit sehr viel Konzeptionsarbeit. Alle haben angepackt und sich ihren neuen Arbeitsplatz aktiv mit aufgebaut. Die Aufgaben reichten von der Etablierung von Teamzuständigkeiten und Vertretungsregelungen bis hin zur Gestaltung des komplexen Zusammenspiels mit den vielen Anerkennungsstellen und dem Aufbau einer Hotline zur Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Trotz der zunächst niedrigeren Nachfrage durch die Pandemie, die uns alle kalt erwischt hat, ist es gelungen, die ZSBA auf erfolgreiche und tragfähige Beine zu stellen. Wir konnten uns in der Anerkennungslandschaft etablieren und sind bestens aufgestellt. Ich rechne damit, dass die Welt, die Institutionen und die sonstigen Rahmenbedingungen um uns herum in ständigem Fluss und komplex bleiben, bin aber überzeugt, dass wir dem mit Flexibilität genauso wie mit Beständigkeit begegnen und viele neue Fachkräfte auf ihrem Weg nach Deutschland erfolgreich begleiten werden.

Beitrag für den Newsletter 1/2021 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung. Das Interview führte Katharina Bock.