Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)"

EU-Freizügigkeit

Die größte Zuwanderungsgruppe in Deutschland stellen nach wie vor europäische Binnenmigrantinnen und -migranten dar. Ihre Zuwanderung wird durch die EU-Freizügigkeit, also das Recht, sich in allen EU-Mitgliedstaaten frei zu bewegen, aufzuhalten und zu arbeiten, bestimmt. In Abgrenzung zu der sogenannten Gastarbeitermigration der 1950er bis 1980er Jahre wird auch von Neuer Arbeitsmarktmigration gesprochen. Ein großer Teil der aktuellen EU-Binnenmigration lässt sich durch die extrem divergierende Arbeitsmarktlage zwischen den Herkunftsländern und Deutschland erklären.

Aktuelle Zahlen

Laut  Freizügigkeitsmonitoring des BAMF lag im Jahr 2017 der Wanderungssaldo von EU‑Bürgerinnen und EU‑Bürgern bei 256.944 Nettozugängen. Im Vergleich zum Jahr 2016 (Wanderungssaldo: 294.013) bedeutet dies einen Rückgang von ‑12,6 %. Im Vergleich zu den Jahren 2010 bis 2015, in denen der Wanderungssaldo von EU-Bürgerinnen und EU‑Bürger sich von 87.175 im Jahr 2010 auf 382.449 Personen im Jahr 2015 vervierfachte, lässt sich seit 2016 ein kontinuierlicher Rückgang der EU-Nettozuwanderung beobachten. Im Jahr 2017 kamen vor allem EU‑Bürgerinnen und EU‑Bürger aus Staaten, für die erst seit kurzem die vollständige Freizügigkeit gilt.

Hauptherkunftsländer der Nettozuwanderung

Die Abbildung zeigt die Top10-Hauptherkunftsländer mit der größten Nettozuwanderung nach Deutschland im Jahr 2017. Das Diagramm wird angeführt von Rumänien (Saldo: 179.838), gefolgt von Polen (Saldo: 118.024) und Bulgarien (Saldo: 66.872). 

Abbildung: Zu- und Abwanderung EU-Staatsangehöriger im Jahr 2017. Top 10 nach Höhe der Nettozuwanderung. (Eigene Darstellung nach BAMF Freizügkeitsmonitoring im Jahr 2017).

Interessant ist, dass im Jahr 2017 hauptsächlich Personen aus Kroatien (34,7 %), Bulgarien (51,9 %), Rumänien (56,2 %) und Griechenland (57,6 %) in Deutschland bleiben. Im Gegensatz dazu wandern etwa zwei Drittel der Personen aus dem Vereinigten Königreich, Italien, Polen und Ungarn wieder ab. Den höchsten Abwanderungsanteil weisen Personen aus Frankreich (76,1 %) und aus Spanien (73,9 %) auf.

Aktuelles aus der Forschung

Wissenschaftliche Analysen der EU-Migrationsbewegungen zeigen, dass die Mobilität in absoluten Zahlen zwar kontinuierlich ansteigt, aber die Süd-Nord-Migration dagegen, wie die o. g. Zahlen zeigen, vergleichsweise gering bleibt. Während die Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen EU-Staaten weiter hoch ist, gibt es in den östlichen Ländern der EU steigenden Fachkräftebedarf. Im wissenschaftlichen Diskurs wird somit nicht nur von einem Braindrain, sondern auch von einem Brainwaste gesprochen.

Die aktuelle Migrationsforschung beschäftigt sich auch u. a. mit Erklärungsmodellen zu den Determinanten der Neueinwanderung sowie mit Analysen der Wanderungstendenzen und der Situation von Neueinwandernden in Deutschland. Nur wenige Studien haben dabei empirisch gearbeitet, um Migrationsmotive der Neuzuwandernden zu erfassen und ihre Situation (z. B. Bildung und Arbeitsmarktintegration) im Herkunftsland und in Deutschland zu beschreiben.

Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung, Träger der Fachstelle Einwanderung im Förderprogramm IQ, hat dies im Rahmen zweier Studien für das Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und für den Berliner Senat untersucht. Im Fokus standen dabei zum einen seit 2008 nach Deutschland eingewanderte Spanierinnen und Spanier sowie Italienerinnen und Italiener (BAMF-Studie), zum anderen nach Berlin Zugewanderte aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Frankreich (Berliner-Senat-Studie).

Neuer Migrationstyp

Beide Befragungen machen die Typologie der neuen europäischen Migration sichtbar: Nach Deutschland kommen junge, mobile, meist sehr gut ausgebildete Personen, deren überwiegendes Migrationsmotiv die Arbeitsmöglichkeiten und -verhältnisse sind. Push-Motive sind oft Unzufriedenheit mit der Situation in den Herkunftsländern sowie schlechte Arbeitsbedingungen oder Arbeitslosigkeit.

Laut einer weiteren Studie des BAMF, bleibt ein Großteil der Neuzugewanderten aus Bulgarien und Rumänien im Schnitt weniger als fünf Jahre, aus Polen sogar unter einem Jahr, in Deutschland. Ein Großteil der befragten Zugewanderten aus Spanien, Italien und Frankreich wissen zudem noch nicht, wie lange sie in Deutschland bleiben möchten. Es kann daher von einem weiteren Phänomen der neuen Zuwanderung aus der EU gesprochen werden: Migration wird zunächst erprobt und getestet, ist oft zeitlich begrenzt und führt nicht unmittelbar zu Einwanderung, sondern auch zu transnationaler Migration oder Re-Migration.

Veröffentlichungen der Fachstelle Einwanderung zum Thema

IQ Fachstelle Einwanderung 2017: Zuwanderung nach Deutschland in 2016, Kompakt 08/2017.

IQ Fachstelle Einwanderung, 2017: Zugang zu Ausbildungsförderung für EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, Kompakt 07/2017.

IQ Fachstelle Einwanderung 2017: Arbeitsmarktintegration von Zuwanderungsgruppen in Deutschland, Working Paper 02/2017.

IQ Fachstelle Einwanderung 2016: Dimensionen der EU-Freizügigkeit, Working Paper – Neues aus der Migrationsforschung 08/2016.

Quellen

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2017: Freizügigkeitsmonitoring. Migration von EU-Bürgern nach Deutschland. Bericht über das erste Halbjahr 2017.

Christian Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2015: Neue Arbeitsmigration aus Spanien und Italien nach Deutschland.

Christian Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2015: Fachkräftesicherung durch Integration zuwandernder Fachkräfte aus dem EU-Binnenmarkt.

Weiterführende Literatur

Babka von Gostomski, C., 2016: Repräsentativuntersuchung „Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland“. Aspekte der Integration von zugewanderten rumänischen und polnischen Staatsangehörigen in DeutschlandBAMF-Kurzananlyse 06/2016.

Barslund, M./Busse, M., 2016: Labour mobility in the EU: addressing challenges and ensuring "fair mobility"Brussel, Centre for European Policy Studies.

Dittrich, P.-J./Spath, N., 2016: De-jure Freizügigkeit und de-facto Mobilität im EU-Binnenmarkt. S. 1-22. Jacques Delors Institut. Berlin, April 2016.

Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration,(SVR) 2013: Erfolgsfall Europa?: Folgen und Herausforderungen der EU-Freizügigkeit für Deutschland. Berlin.

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