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Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)"

EU-Freizügigkeit

Die größte Zuwanderungsgruppe in Deutschland stellen nach wie vor europäische Binnenmigrantinnen und Binnenmigranten dar. Ihre Zuwanderung wird durch die EU-Freizügigkeit, also das Recht, sich in allen EU-Mitgliedstaaten frei zu bewegen, aufzuhalten und zu arbeiten, bestimmt. In Abgrenzung zu der sogenannten Gastarbeitermigration der 1950er bis 1980er Jahre wird auch von Neuer Arbeitsmarktmigration gesprochen. Ein großer Teil der aktuellen EU-Binnenmigration lässt sich durch die extrem divergierende Arbeitsmarktlage zwischen den Herkunftsländern und Deutschland erklären.

Aktuelle Zahlen

Den Zahlen des Freizügigkeitsmonitorings des BAMF zufolge lag der Wanderungssaldo von EU‑Bürgerinnen und EU‑Bürgern im ersten Halbjahr 2018 bei 137.631 Zuzügen, was einem Plus von 0,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht. Dies bedeutete einen Umkehrtrend in der Nettozuwanderung aus den EU-Herkunftsländern, der seit 2016 beobachtet werden konnte.

Vervierfachte sich der Wanderungssaldo von EU-Bürgerinnen und EU‑Bürgern noch von 87.175 im Jahr 2010 auf 382.449 Personen im Jahr 2015, so sank die Nettozuwanderung aus den EU-Ländern 2016 auf insgesamt 294.013 Personen - ein Rückgang von 23,12 % gegenüber dem Jahr 2015. Dieser Trend setzte sich auch 2017 fort. Eine Nettozuwanderung von 256.944 bedeutete erneut einen Rückgang von 12,61 % gegenüber dem Jahr 2016.

Im ersten Halbjahr 2018 war die Nettozuwanderung vor allem durch die Migrationsbewegung von EU‑Bürgerinnen und EU‑Bürger aus den Mittelost- und Südosteuropäischen Staaten geprägt.

Abbildung: Zu- und Abwanderung EU-Staatsangehöriger im ersten Halbjahr 2018. Top 10 nach Höhe der Nettozuwanderung. (Eigene Darstellung nach BAMF Freizügigkeitsmonitoring: Bericht für das erste Halbjahr 2018).

Wie die Abbildung verdeutlicht, führte Rumänien die Liste der Top 10 Herkunftsländer aus der EU-27 mit einem positiven Saldo von 52.184 Personen an, gefolgt von Polen mit einer Nettozuwanderung von 21.927 und Kroatien mit 15.120 Personen. Somit verdrängte Kroatien im ersten Halbjahr 2018 Bulgarien vom Platz drei der Nettozuwanderungsländer.

Während sich die Zu- und Abwanderung aus Rumänien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um entsprechend 11,7 % (Zuwanderung) und 12,5 % (Abwanderung) erhöhte, schrumpfte beispielsweise die Zuwanderung aus Polen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um -2,7 % auf 58.571 Personen, während die Abwanderung sich gleichzeitig um 7,9 % auf 36.644 Personen erhöhte.

Neben Polen verzeichneten Ungarn, Griechenland und das Vereinigte Königreich im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 ebenfalls eine negative Bilanz bei der Zuwanderung. Doch während im Falle von Ungarn gleichzeitig die Abwanderung angestiegen ist, verblieben mehr Personen aus Griechenland und dem Vereinigten Königreich in Deutschland als im Vorjahreszeitraum.

Die Nettozuwanderung aus Rumänien, Kroatien und Litauen betrug im ersten Halbjahr 2018 mehr als 50 %. Im Falle von Polen, Ungarn, Griechenland, der Slowakei und dem Vereinigten Königreich verließen dagegen im gleichen Zeitraum rund zwei Drittel der zugewanderten Personen aus diesen Herkunftsländern die Bundesrepublik, so dass die Nettozuwanderung aus diesen Ländern lediglich bei 31 bis 37 % lag.

Aktuelles aus der Forschung

Wissenschaftliche Analysen der EU-Migrationsbewegungen zeigen, dass Arbeitslosigkeit im Heimatland und Perspektivlosigkeit relevante Pull-Faktoren für die Migrationsbewegungen v. a. aus Ost- und Südeuropa nach Deutschland darstellen. Dies betrifft insbesondere junge, hochqualifizierte EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, die äußerst mobil sind und sich an den wirtschaftlichen und sozialen Strukturvorteilen bestimmter Regionen und Ländern, wie Deutschland, orientieren. Wenn hochqualifizierte Personen aus einer Region auswandern spricht man von einem „brain drain“.

Nur wenige Studien haben bisher empirisch die Situation von neueinwandernden EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern in Deutschland erfasst. Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung, Träger der Fachstelle Einwanderung im Förderprogramm IQ, hat im Rahmen zweier Studien für das Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und für den Berliner Senat untersucht, welche Migrationsmotive Neuzuwandernde haben und wie sich ihre Bildungs- und Arbeitsmarktsituation im Herkunftsland und in Deutschland darstellen. Im Fokus standen dabei zum einen seit 2008 nach Deutschland eingewanderte Spanierinnen und Spanier sowie Italienerinnen und Italiener (BAMF-Studie), zum anderen nach Berlin Zugewanderte aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Frankreich (Berliner-Senat-Studie).

Neuer Migrationstyp

Beide Befragungen machen die Typologie der neuen europäischen Migration sichtbar: Nach Deutschland kommen junge, mobile, meist sehr gut ausgebildete Personen, deren überwiegendes Migrationsmotiv die Arbeitsmöglichkeiten und -verhältnisse sind. Push-Motive sind oft Unzufriedenheit mit der Situation in den Herkunftsländern sowie schlechte Arbeitsbedingungen oder Arbeitslosigkeit.

Laut einer weiteren Studie des BAMF bleibt ein Großteil der Neuzugewanderten aus Bulgarien und Rumänien im Schnitt weniger als fünf Jahre, aus Polen sogar unter einem Jahr, in Deutschland. Ein Großteil der befragten Zugewanderten aus Spanien, Italien und Frankreich wissen zudem noch nicht, wie lange sie in Deutschland bleiben möchten. Es kann daher von einem weiteren Phänomen der neuen Zuwanderung aus der EU gesprochen werden: Migration wird zunächst erprobt und getestet, ist oft zeitlich begrenzt und führt nicht unmittelbar zu Einwanderung, sondern auch zu transnationaler Migration oder Re-Migration.

Veröffentlichungen der Fachstelle Einwanderung zum Thema

IQ Fachstelle Einwanderung, 2018: Zuwanderung nach Deutschland in 2017, Kompakt 10/2018.

IQ Fachstelle Einwanderung, 2018: Zugang zu Ausbildungsförderung für EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, Kompakt 09/2018 (vormals 07/2017).

IQ Fachstelle Einwanderung, 2017: Zuwanderung nach Deutschland in 2016, Kompakt 08/2017.

IQ Fachstelle Einwanderung, 2017: Arbeitsmarktintegration von Zuwanderungsgruppen in Deutschland, Working Paper 02/2017.

IQ Fachstelle Einwanderung, 2016: Dimensionen der EU-Freizügigkeit, Working Paper 08/2016.

Quellen

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2019: Freizügigkeitsmonitoring. Migration von EU-Bürgern nach Deutschland. Bericht für das erste Halbjahr 2018.

Christian Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2015: Neue Arbeitsmigration aus Spanien und Italien nach Deutschland.

Christian Pfeffer-Hoffmann (Hrsg.), 2015: Fachkräftesicherung durch Integration zuwandernder Fachkräfte aus dem EU-Binnenmarkt.

Weiterführende Literatur

Babka von Gostomski, C., 2016: Repräsentativuntersuchung „Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland“. Aspekte der Integration von zugewanderten rumänischen und polnischen Staatsangehörigen in Deutschland. BAMF-Kurzananlyse 06/2016.

Barslund, M./Busse, M., 2016: Labour mobility in the EU: addressing challenges and ensuring "fair mobility". Brussel, Centre for European Policy Studies.

Clemens, M./Hart, J., 2018: EU-Zuwanderung hat das Wirtschaftswachstum in Deutschland erhöht. In: DIW Wochenbericht Nr. 44/2018, S. 955-963. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, Oktober 2018.

Dittrich, P.-J./Spath, N., 2016: De-jure Freizügigkeit und de-facto Mobilität im EU-Binnenmarkt. S. 1-22. Jacques-Delors-Institut. Berlin, April 2016.

European Committee of the Regions, 2018: Addressing brain drain: The local and regional dimension. European Union.

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