Kebap war gestern

Die Branchenstruktur von Migrantenunternehmen hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Im Interview erklärt der Soziologe René Leicht, wie eingewanderte Selbständige zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden sind.

Was versteht man unter Migrantenökonomie und wann haben Wissenschaftler begonnen, sich für dieses Thema zu interessieren?

René Leicht: Der Begriff verweist auf die Ethnic Economy, ein zur Mitte des letzten Jahrhunderts erforschtes Phänomen in US-amerikanischen Metropolen. Gemeint sind die wirtschaftlichen Aktivitäten von Selbständigen aus ethnischen Minderheiten, einschließlich ihrer Familienmitglieder und co-ethnischen Beschäftigten. Diesen Begriff auf deutsche Verhältnisse anzuwenden ist problematisch, da er auf eine räumliche und ethnische Segregation anspielt, die wir in Deutschland eher selten vorfinden. In Deutschland geht es um die unternehmerischen Aktivitäten von Migrantinnen und Migranten insgesamt, oder kurz um Migranten- unternehmen.

Wie hat sich die Migrantenökonomie in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Leicht: Die Zahl der Selbständigen mit Migrationshintergrund hat allein in den letzten zwei Jahrzehnten enorm zugenommen, um rund die Hälfte auf eine Dreiviertelmillion. Bei den Herkunftsdeutschen ist die Zahl im gleichen Zeitraum um zehn Prozent gesunken. In Deutschland hat mittlerweile jede fünfte unternehmerisch engagierte Person einen Migrationshintergrund.

Worauf ist diese starke Zunahme bei den Migrantenunternehmen zurückzuführen?

Leicht: Allein schon dadurch, dass die Zuwanderung nach Deutschland zugenommen hat, ist auch das Potenzial für Selbständigkeit größer geworden. Hinzu kommt, dass unter den Zugewanderten die Gründungsambitionen etwas stärker ausgeprägt sind als bei den Herkunftsdeutschen. Es ist vor allem der Wunsch nach sozialem Aufstieg, der Migrantinnen und Migranten antreibt, dies über berufliche Selbständigkeit zu versuchen. Nach wie vor wirken die Ungleichheiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt, so etwa die geringeren Karriere- und Verdienstmöglichkeiten, als treibende Kraft. Aber natürlich gibt es je nach Kontext weitere Ursachen. Zugewanderte und ihre Gründungsmotive lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren.

Kann man beziffern, welchen volkswirtschaftlichen Beitrag Migrantenunternehmen in Deutschland leisten?

Leicht: Es gibt viele Indikatoren, die zeigen, dass Migrantenunternehmen einen wesentlichen Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft leisten. Einschließlich ihrer eigenen Jobs schaffen die Selbständigen mit Zuwanderungsgeschichte konservativ geschätzt rund 3,4 Millionen Arbeitsplätze. Das entspricht etwa einem Sechstel aller Beschäftigten in inhabergeführten Unternehmen.

Wie sieht es bei der Ausbildung von Jugendlichen aus?

Leicht: Der Ausbildungsbeitrag von migrantischen Unternehmen hat in den letzten Jahren erfreulicherweise zugenommen, während die Betriebe der Herkunftsdeutschen immer weniger Jugendliche ausbilden. Mittlerweile unterscheidet sich die Ausbildungsquote, d.h. der Anteil von Auszubildenden an den Beschäftigten, und auch der Anteil ausbildender Betriebe kaum noch, was die nationale Herkunft der Betriebsinhaber betrifft. Da hat es einen Aufholprozess bei den Migrantenunternehmen gegeben, die inzwischen mit etwa gleichem Engagement ausbilden wie die Betriebe der Herkunftsdeutschen.

Das öffentliche Bild von migrantischer Selbständigkeit ist immer noch von manchen Stereotypen geprägt. Was ist dran an der Wahrnehmung, diese umfasse vor allem Kebap-, Gemüse- oder Friseurgeschäfte?

Leicht: Die Empirie kann viele dieser Vorurteile widerlegen. Die Branchenstruktur von Migrantenunternehmen hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Der Anteil von Gastronomie und Handel ist von einst fast der Hälfte auf jetzt rund ein Viertel zurückgegangen, während der Anteil an wissensintensiven Dienstleistungen stark gestiegen ist. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass sich die Zusammensetzung von Selbständigen mit Migrationshintergrund durch neue Zuwanderungsstrukturen verändert hat. Vor allem die EU-Erweiterung hat dazu beigetragen. Wir haben es mit anderen Nationalitäten zu tun, die mit neuen Ideen und Produkten auf dem Markt auftauchen und sich auf andere Branchen orientieren.

Welche Branchen stehen dabei im Mittelpunkt?

Leicht: Bei den Osteuropäern ist es vor allem das Baugewerbe. Bei Zugewanderten aus westlichen Ländern sind es wissensbasierte Dienstleistungen, etwa das ganze Umfeld der freien Berufe, also Ärzte, Therapeuten, Architekten, Journalisten sowie Kulturschaffende usw.. Aber in einigen freien Berufen gibt es Zugangsbeschränkungen, wodurch viele Migrantinnen und Migranten außen vor bleiben, wenn ihre akademische Ausbildung, die sie im Ausland erworben haben, hier nicht anerkannt wird.

Inwiefern sehen Sie noch Luft nach oben bei der Anerkennung von ausländischen Qualifikationen?

Leicht: Es hat sich vieles wesentlich verbessert, was auch auf das Netzwerk IQ bzw. auf die Anerkennungsberatung zurückzuführen ist. Allerdings gibt es auch künftig noch hohe Hürden, soweit bestimmte Zertifikate oder Abschlüsse im Ausland, vor allem in Drittstaaten, gar nicht erzielt werden können. Da geht es nicht nur um freiberufliche, sondern auch um reglementierte Tätigkeiten im Handwerk, um Qualifikationsstufen, die nur erreicht werden können, wenn die Ausbildung in Deutschland oder wenigstens in der EU erfolgt ist.

Durch die niedrige Arbeitslosigkeit und die stabile wirtschaftliche Lage stagnierten in den vergangenen Jahren in Deutschland die Gründungsaktivitäten. Können Gründungen von Eingewanderten dies kompensieren?

Leicht: Nicht gänzlich und nicht auf Dauer. Aber ohne das unternehmerische Engagement von Migrantinnen und Migranten würden die Gründungsquoten in Deutschland noch schneller und tiefer abstürzen. Der positive Saldo im Bestand an Selbständigen ist allein auf die Aktivitäten von Migrantinnen und Migranten zurückzuführen.

Haben Migrantinnen denn die gleichen Chancen, unternehmerisch tätig zu werden, wie ihre männlichen Pendants?

Leicht: Der ungleiche Zugang der Geschlechter in die berufliche Selbständigkeit betrifft fast alle Nationalitäten und Herkunftsgruppen gleichermaßen. Sowohl Migrantinnen als auch Frauen deutscher Herkunft machen sich nur mit halb so hoher Wahrscheinlichkeit selbständig wie ihre männlichen Pendants. Dies liegt zum Teil an der geschlechterspezifischen und rollenkonformen Berufswahl, wobei Frauen eher Berufe wählen, die für Selbständigkeit wenig geeignet sind. Auf den Punkt gebracht: Tätigkeiten wie erziehen, lehren, heilen, pflegen usw. sollten nicht nur gesellschaftlich mehr Anerkennung finden, es sind zudem Berufe, die sich weniger für eine unternehmerische Tätigkeit eignen. Bei Gründungen in jüngeren Alterskohorten macht sich aber bemerkbar, dass sich mehr Frauen neu orientieren und z.B. auch in technologieintensiven Bereichen gründen.

Welche Gründungspotenziale sehen Sie bei der Gruppe der Geflüchteten?

Leicht: Langfristig sehe ich große Potenziale, kurzfristig sind diese aber noch gering. Um sich selbständig zu machen, bedarf es gewisser Ressourcen. Dazu zählen Marktkenntnisse, Kapital, berufliche Erfahrungen und Institutionenwissen. Das erfordert Zeit. Geflüchtete brauchen zwar länger, bis sie sich auf dem Arbeitsmarkt integrieren und sich selbständig machen. Aber wenn sie dann länger in Deutschland sind, weisen sie umso größere Ambitionen Richtung Selbständigkeit auf.

Unter den Geflüchteten, die vor 1980 kamen, haben wir teilweise doppelt so hohe Selbständigenquoten wie insgesamt. Ist migrantische Selbständigkeit ein Beleg für gelungene Integration?

Leicht: Auf jeden Fall. Die Chancen auf Teilhabe in den zentralen gesellschaftlichen Bereichen kommen vor allem mit den Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg zur Geltung. Selbständige Migranten verdienen wesentlich besser als die abhängig beschäftigten Migranten. Es betrifft aber auch das soziale Prestige. Diejenigen, die sich selbständig gemacht haben, fühlen sich in der deutschen Gesellschaft stärker anerkannt als die in einer Arbeitnehmerposition.

Was könnte die Politik tun, um die Potenziale migrantischer Gründungen noch stärker zu unterstützen?

Leicht: Sie müsste die immer noch wirksamen institutionellen Hürden verringern und die Grenzen nicht nur für Fachkräfte öffnen, die eine Stelle in den Unternehmen haben, sondern auch jenen, die ein Unternehmen gründen möchten. Für Zugewanderte, die nicht aus der EU kommen, ist das schwer. Ferner sollten Zugangshürden zu den freien Berufen und zum Handwerk dahingehend überprüft werden, ob viele der im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen nicht doch genügen, um auch hierzulande auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Fragt sich nur, ob zum Beispiel das Handwerk da mitgeht ...

Leicht: Stimmt, ich bin auch nicht dafür, die Qualifikationsanforderungen pauschal zu verringern. Es geht um die Frage, welche Kompetenzen Zugewanderte tatsächlich haben. Gerade im Feld beruflicher Selbständigkeit stehen eigentlich Ideen sowie Kreativität und weniger Papiere und Zertifikate im Vordergrund. Das heißt, hier müssten Berufserfahrung und informelle Kompetenzen stärker zum Zuge kommen. Ein weiterer Punkt: In viele Länder kommen Zugewanderte als Selbständige und mit der Absicht, sich auch in der neuen Heimat unternehmerisch zu betätigen. Diese Ad-hoc-Gründungen sind häufig mit wichtigen Innovationen und wirtschaftlichen Impulsen verbunden. Ihre Zahl ist in Deutschland noch zu klein. Es kommt also darauf an, mehr Selbständige auf direktem Wege zu rekrutieren und ihnen in Deutschland die Möglichkeit zu geben, ihr Unternehmen hier zu leiten.

Erwarten Sie hier durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen Schub?

Leicht: Bei dem Gesetz geht es vor allem um die Einwanderung von Fachkräften in Arbeitnehmerpositionen. Historisch betrachtet zielten Initiativen zur Gewinnung von Arbeitskräften aus dem Ausland immer auf abhängige Beschäftigte. Die letzten, die von Deutschland aus gezielt als Gewerbetreibende angeworben wurden, waren die calvinistisch orientierten Hugenotten. Das war in den Fürstentümern des 17. Jahrhunderts. Seitdem gab es keine vergleichbare Initiative mehr.

Dr. René Leicht ist Soziologe und Senior Researcher am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen u.a. die Migrantenökonomie und die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten.