Existenzgründung: Mode für eine bessere Welt

Ekila Lemvo möchte ohne Importe, ohne Arbeitskräfte auszubeuten und ohne die Umwelt zu belasten, hochwertige und stylische Kleidung herstellen. Das IQ Projekt „ActNow“ begleitet sie auf ihrem Weg zur Unternehmerin.

Es ist Samstagmorgen. Eigentlich sind die Türen des Mode Design Colleges in Düsseldorf an diesem Tag geschlossen. Doch die angehende Gründerin Ekila Lemvo hat für unser Treffen glücklicherweise die Schlüssel zu den Räumen der privaten Modeschule bekommen. So kann sie an den Schneiderbüsten einige ihrer Entwürfe präsentieren. Unter der Woche zeichnet, näht, modelliert und experimentiert die gebürtige Kongolesin hier mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen. Ekila Lemvo studiert im dritten Semester Modedesign.

Modedesignerin mit BWL-Kenntnissen

Viele der Techniken, die man an der Modeschule erlernt, beherrscht sie längst. Denn die 37-jährige Mutter von drei Kindern designt seit ihrem 15. Lebensjahr. Doch um sich ihren großen Traum zu erfüllen, meint Ekila Lemvo, müsse sie mehr als nur gut zeichnen und schneidern können. Business- und Fashion-Englisch, Marketing-Strategien, betriebswirtschaftliche Abläufe, nachhaltige Herstellungsverfahren – über all das und vieles mehr möchte sie genau Bescheid wissen. Muss man das denn als Designerin? Womöglich nicht. Will man aber eine eigene Modefirma gründen, ist es sicher hilfreich.

Faire und nachhaltige Mode

Ekila Lemvo hat den großen Traum, Kleidung in ihrer Heimat zu produzieren. Aber nicht auf die Weise, wie es die meisten großen Modelabels tun, sondern fair und nachhaltig. Denn die kreative Idealistin möchte durch ihre Mode den Menschen in ihrem Heimatland die Chance auf ein besseres Leben geben. „Alles was man für die Herstellung von Mode benötigt, gibt es vor Ort. Ich möchte beweisen, dass man ohne Importe, ohne Arbeitskräfte auszubeuten und ohne die Umwelt zu belasten, hochwertige und stylische Kleidung produzieren kann. Man soll nicht seine Heimat, seine Familie und Freunde verlassen müssen für die Illusion von einem besseren Leben an einem fremden Ort“, sagt sie.

Mit der Einwanderung kamen die Beleidigungen

Die Deutschafrikanerin weiß, wovon sie spricht. Fünf Jahre war sie alt, als die Eltern mit ihr den Kongo, und damit das warme und familiäre Umfeld, Richtung Deutschland verließen. Auch sie trieb die Hoffnung auf ein besseres Leben an. Doch für die Familie verbesserte sich kaum etwas, als sie in den achtziger Jahren im südwestfälischen Hagen ankam. Im Gegenteil. „Überall wo wir hingingen, glotzten die Leute uns an. Wir waren so etwas wie die schwarze Attraktion. Wir mussten uns auch Sätze anhören wie ,Die Affen kommen‘“, berichtet sie. Massive Beleidigungen waren in der Schule trauriger Alltag für das junge Mädchen. Sich auf den Unterricht zu konzentrieren, war für die begabte Tochter eines Mathematikers so kaum möglich. Mit Ach und Krach schaffte sie es auf die Hauptschule.

Der Wunsch, die Depressionen der Mutter zu verstehen

Aber nicht nur für Ekila Lemvo, auch für die Eltern war der Start in Deutschland schwer. Das Mathestudium des Vaters wurde hier nicht anerkannt, er musste als Gärtner arbeiten. Bei der Mutter setzten kurz nach der Ankunft starke Depressionen ein, die sie ihr Leben lang begleiten sollten – und auch im Leben von Ekila Lemvo eine prägende Rolle spielten. „Ich wollte immer verstehen, warum meine Mutter leidet und wie ich ihr helfen kann“, erinnert sie sich. Deshalb stand für sie schon früh fest, irgendetwas mit Medizin machen zu wollen. Obwohl ihre eigentliche Leidenschaft schon immer das Kreative gewesen ist. „Mein Lieblingsfach in der Schule war Kunst. Da war ich allein mit meinen Gedanken und konnte mich, ohne sprechen zu müssen, ausdrücken.“ Als sie die neunte Klasse besuchte, zog sie mit ihren Eltern von Hagen nach Köln. Für die Familie wendete sich von nun an einiges zum Besseren.

Wie die Liebe zur Mode entstand

In der multikulturellen Rheinmetropole waren sie nicht mehr die einzigen Dunkelhäutigen. „Hier war es normal, anders zu sein. Die Menschen waren offen und freundlich zu uns“, erinnert sie sich. Und hier machte sie eine prägende Bekanntschaft. Die junge Teenagerin stieß auf ein Mädchen in ihrem Alter, das besessen war von Mode. „Ich bin zuvor niemandem in meinem Alter begegnet, der so rumlief wie sie. Mit bunt gefärbten Haaren, zerrissener Kleidung, greller Schminke – das hat mich total geflasht.“ Die beiden wurden enge Freunde und Ekila Lemvo fing nun an, mit ihrer Kleidung zu experimentieren, ihr einen individuellen Look zu verpassen. Daraus ihren Beruf zu machen, kam ihr zu dem Zeitpunkt aber noch nicht in den Sinn.

Und doch wurde sie Arzthelferin

„Ich war wie besessen davon, irgendetwas mit Medizin machen zu müssen.“ Also absolvierte sie zunächst nach ihrem Realschulabschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus. Anschließend holte sie ihr Fachabitur nach, um eine Ausbildung als pharmazeutisch- technische Assistentin zu beginnen. Erfüllung fand sie in der Ausbildung jedoch nicht und brach sie nach einem Jahr ab. Arzthelferin wollte sie nun werden. Und wurde es auch.

Tod der Mutter war der Wendepunkt

Kurz nach ihrer Ausbildung, inzwischen war sie Mitte zwanzig, lernte sie ihren heutigen Mann kennen, der ebenfalls aus dem Kongo kommt. Für ihn tauschte Ekila Lemvo die Kölner Heimat gegen Wuppertal ein, wo er als Lehrer arbeitet. Kurz darauf heirateten die beiden und erwarteten schon wenig später ein gemeinsames Kind. Das Glück der werdenden Mutter wurde jedoch durch einen Todesfall getrübt, der zugleich einen zentralen Wendepunkt in ihrem Leben markierte. „Meine Mutter starb ziemlich plötzlich, als ich schwanger war. Natürlich war ich am Boden zerstört, ich spürte aber gleichzeitig, dass sich in mir etwas befreite.“ Der innere Druck, die Krankheit der Mutter verstehen zu wollen, oder sie gar zu heilen, fiel nun mit einem Mal ab.

T-Shirts mit afrikanischen Königinnen

Von da an stand für Ekila Lemvo fest, sich voll und ganz der Mode zu widmen. Zu Hause fing sie jetzt an, eigene T-Shirts zu entwerfen. Auf ihrem ersten bildete sie die Umrisse des afrikanischen Kontinents ab und stickte Motive von den Königinnen der jeweiligen Länder ein. Für Ekila Lemvo war das Designen von Beginn an auch eine Suche nach und Auseinandersetzung mit ihren afrikanischen Wurzeln. „Ich wollte wissen, wie die Rolle der Frau in meiner Heimat ist, wie sie sich kleiden und welche Bedeutung ihre Kleidung hat.“ Gleichzeitig war es ihr wichtig, dass ihre T-Shirts bei anderen Menschen etwas auslösten. „Viele fragten mich, wer die Frauen auf den Shirts sind und warum ich sie abbilde. Ich habe sie neugierig gemacht“, freut sich die Designerin über ihre interkulturelle Kommunikationsleistung. Denn mit jedem T-Shirt verbreitet sie ein kleines Stück afrikanischer Kultur. Und das kam auf Anhieb gut an.

2011 gründete Lemvo ihr erstes Label

Auf Facebook postete sie Bilder und bekam haufenweise Anfragen und gutes Feedback für ihre Shirts. Sogar von prominenter Seite. Auf einer Reggae-Party in einem Kölner Club wurde sie von dem Musiker Gentleman auf das T-Shirt, das sie trug, angesprochen. „Wir sind aneinander vorbeigelaufen, da blieb er stehen und sagte zu mir, ‚Wow, wo hast du dieses T-Shirt her?‘ In dem Moment wusste ich, ich bin auf dem richtigen Weg.“ 2011 gründete Ekila Lemvo ihr eigenes Label – MOSISA.

Drei Kinder, Teilzeitarbeit und erste Mode-Erfolge

Mittlerweile ist sie auch zum dritten Mal Mutter geworden. Doch um Familie, Beruf – nebenbei arbeitete sie als Pflegerin in Teilzeit – und die Leidenschaft für Mode unter einen Hut zu bekommen, hat der Tag zu wenig Stunden. Daher stieg 2015 ihre Schwägerin mit ins Label ein. Diese studierte selbst Modemanagement, kennt sich in Sachen Marketing bestens aus und ist gut vernetzt. So konnte Ekila Lemvo inzwischen einige ihrer Entwürfe auf Fashionweeks im In- und Ausland präsentieren. Das Cover der Frankfurter Modemesse „Borderless“ zierte 2015 sogar ein von ihr entworfenes Kleid. Die ambitionierte Designerin hat also schon einiges erreicht.

Unterstützung von ActNow

Um sich aber ihren großen Traum zu erfüllen, braucht sie professionelle Unterstützung, zumal ihre Schwägerin auch eigene Karriereziele verfolgt. Eine gute Freundin, die sich selbst vor einiger Zeit von ActNow helfen ließ, empfahl das Angebot Ekila Lemvo weiter. Das ist zwar erst einige Wochen her, gut beraten fühlt sie sich aber schon heute von den Coaches: „Sie glauben an meine Idee. Das allein ist mir schon sehr viel wert.“ Aktuell arbeiten sie mit Ekila Lemvo daran, ihre Idee in ein überzeugendes und strukturiertes Konzept zu packen. Die Aussicht auf Fördergelder stünde damit gar nicht schlecht.

So wie Buki Agbakiaka in London

Es ist der Regierung derzeit sehr daran gelegen, Fluchtursachen zu bekämpfen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Das weiß auch Ekila Lemvo und geht daher gelassen vor. „Mein Traum ist groß, ich brauche Geduld und Zeit, um ihn mir zu erfüllen.“ Um bei einem so großen Projekt nicht die Motivation zu verlieren, tut es gut, dann und wann Zustimmung von außen zu bekommen. Die bekam Ekila Lemvo vor kurzem von ihrem großen Vorbild Buki Agbakiaka. Die in London lebende nigerianische Designerin stattet mit ihren Kreationen unter anderem Prominente wie den amerikanischen Comedystar Kevin Hart aus. Einen Großteil ihrer Kollektionen lässt sie in ihrer afrikanischen Heimat produzieren. Fair und nachhaltig – so wie Ekila Lemvo es auch vorhat. Das teilte sie ihrem Vorbild in einer E-Mail mit.

Ihr Vorbild bestärkt sie

Dass die international bekannte Designerin einer Modestudentin aus Wuppertal antworten würde, damit hatte Ekila Lemvo nicht gerechnet. Umso größer war die Freude – und der Glaube an ihre Idee, den sie daraus schöpfte. „Als ich von ihrem Management die persönliche E-Mail- Adresse bekam, war ich schon überrascht. Aber als sie mir dann persönlich antwortete, dass sie meine Idee super fände, und sie mir bei Fragen gerne helfe, war ich platt. Ich werde alles geben, um mir meinen Traum zu verwirklichen.“