Einfache Sprache: Der Sprach-Neubauer

Von der IQ-Projektleitung zur Freiberuflichkeit. Dr. Mansour Neubauer entwirrt Sätze, baut sie neu und trägt so zu einer besseren Kommunikation für alle bei.

Syrien 2004. Der in Bourj Kaie lebende Schüler Mansour Ismaiel sitzt zu Hause und lernt für seinen Abschluss. Anstatt zur Schule zu gehen, bereitet er sich eigenständig auf das Abitur vor. Seine Eltern können das Geld für die Fahrt zur Schule in die Stadt nicht zahlen. Das Abitur wird er bestehen. Als einer der besten seines Jahrgangs.

Deutschland 2019. Dr. Mansour Neubauer (geborener Ismaiel) sitzt an seinem Schreibtisch in Ritterhude und arbeitet an einer Übersetzung. Er übersetzt nicht von einer Fremdsprache in eine andere. Er bearbeitet eine Deutsch-Deutsch-Übersetzung. Der promovierte Germanist und Sprachwissenschaftler ist bundesweit gefragter Referent für „einfache Sprache“. Freiberuflich.

Einfache Sprache ist eine Haltung

Stilistisch liegt die einfache Sprache zwischen der inhaltlich stark reduzierenden leichten Sprache und der komplexen Fachsprache. Einfache Sprache hat den Anspruch, eine niedrigschwellige mündliche und schriftliche Kommunikation zu ermöglichen. Eine Sprache, die frei ist von langen Schachtelsätzen und umständlichen Passivkonstruktionen. Eine Sprache, die etwa 90 Prozent der Bevölkerung verstehen. Das Sprachniveau der einfachen Sprache reicht von A2 bis B2, je nachdem, welche Fertigkeiten die Zielgruppe hat – und abhängig davon, wie komplex das Thema ist. Heraus kommen Sätze, die inhaltlich klar und durch ihren Minimalismus ästhetisch ansprechend sind. Wenn Mansour Neubauer nicht am Schreibtisch sitzt und Formulare von holprigem Amtsdeutsch befreit, ist er in ganz Deutschland unterwegs. Von Nord nach Süd reist er herum und gibt Workshops und Schulungen zum Thema einfache Sprache.

Servicestelle für einfache Sprache

Bremen 2015. Die Sozialsenatorin spricht beim Integrationsgipfel über die Schwierigkeiten zwischen Integration und Kommunikation: Das Land halte viele Unterstützungsangebote für Migrantinnen und Migranten bereit, aber es hapere oft an der Vermittlung, da Dinge falsch verstanden würden. Das IQ Netzwerk Bremen reagiert auf die Erkenntnisse des Integrationsgipfels. Die Idee: mit einem neuen Projekt eine Mittlerrolle zwischen öffentlichen Behörden und eingewanderten Menschen schaffen. Eine Servicestelle für einfache Sprache. Workshops, Schulungen und Übersetzungshilfen sollen Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes und anderer Organisationen unterstützen, sich unkompliziert auszudrücken und den Gebrauch von einfacher Sprache in ihrem Arbeitsalltag einzuführen – weg vom Behördendeutsch hin zu einer Sprache, die von der Allgemeinheit genutzt und auch in Schulen und Sprachkursen gelernt wird.

Ämter sind begeistert

2017 bewirbt sich Mansour Neubauer erfolgreich als Leitung und füllt die Projektidee der Servicestelle mit Leben. Die mediale Berichterstattung ist gewaltig – Behörden und Ämter sind begeistert. Bereits nach vier Monaten kann die Servicestelle keine weiteren Aufträge mehr annehmen. Das IQ-Projekt läuft mit Ende der Förderphase 2018 aus, die Nachfrage bleibt. Als Mansour Neubauer im Juli 2005 mit einem Stipendium im Gepäck zum Studieren nach Bremen kam, sprach er nur ein paar Brocken Deutsch. Er kennt die Situation, vor einem Schild zu stehen und die Anweisungen darauf nicht zu verstehen.

Neubauer entwickelt ein fünfstufiges Ampelkonzept

Nach einem einjährigen Deutschsprachkurs hatte ihn die Leidenschaft zur Sprache gepackt. „Ich mag schwierige Sachen. Da gibt es immer etwas Neues zu lernen und zu entwickeln.“ Nach einem Bachelor in Englisch und Germanistik legte er noch ein Masterstudium und eine anschließende Promotion in deutscher Sprachwissenschaft obendrauf. Die einfache Sprache kennt kein festes Regelwerk. Zur Orientierung hat Mansour Neubauer ein fünfstufiges Ampelkonzept entwickelt. Dieses bewegt sich zwischen leichter Sprache (dunkelgrün und Fachsprache (dunkelrot). Dunkelgrün ist sehr einfach, dunkelrot sehr schwer. Dazwischen liegt gelb. Während die Extreme rot und grün sich lediglich in ihren Farbspektren aufhalten und damit andere Gruppen ausschließen, bewegt sich die einfache Sprache hauptsächlich im gelben Spektrum. Punktuell bedient sie sich auch im grünen und im roten Bereich, nimmt also manchmal leichtere, manchmal kompliziertere Ausdrücke dazu. Das erfolgreiche Ergebnis: ein für fast alle Menschen verständlicher und gleichzeitig schöner Text.

Zu Hause freiberuflich

Die Farbkategorisierung hilft Neubauer dabei, bei den Menschen das Bewusstsein für Sprache zu wecken. „Wir können alles vereinfachen, wir müssen nur offen gegenüber neuen Formen der Kommunikation sein“, ist sich Neubauer sicher. Der Sprung in die Freiberuflichkeit war für Mansour Neubauer kein Sprung ins kalte Wasser: „Ich habe bereits neben meiner Festanstellung bei der Bremer VHS freiberuflich als Autor gearbeitet.“ Er hat einen Roman geschrieben und ein Regelwerk zu einfacher Sprache herausgegeben. Von seiner ursprünglichen Idee, eine GmbH mit mehreren Mitarbeitenden zu gründen, sah er nach einer Beratung vorerst ab. Neubauer arbeitet jetzt von zu Hause aus. Für die Workshops besucht er die Unternehmen vor Ort.

Nebenbei gründet Neubauer das „Netzwerk Einfache Sprache“

Als Vorteile sieht er seine zeitliche Flexibilität, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Inhaltlich hat sich zu seiner Arbeit bei IQ wenig geändert. Geändert habe sich die Kundschaft. Statt des öffentlichen Dienstes bestehe die größte Zielgruppe nun aus Vereinen und Bildungsträgern. Vor allem Institutionen mit viel Kundenkontakt fragen seine Dienste an. Mansour Neubauer ist von seiner Geschäftsidee überzeugt: „Ich hatte während meiner Tätigkeit bei IQ so viele Anfragen. Das gab mir Sicherheit. Ich hatte bereits einen großen Pool potenzieller Auftraggeberinnen und -geber. Dann habe ich mir noch einen neuen Internetauftritt erarbeitet. Der Rest war ein Selbstläufer.“ Neben seiner freiberuflichen Arbeit hat Neubauer das „Netzwerk Einfache Sprache“ ins Leben gerufen. Ein bundesweites Netzwerk, das sich über die Formen von einfacher und leichter Sprache austauscht. Ob er die Kolleginnen und Kollegen als Konkurrenz sieht? „Nein, je mehr einfache Sprache angeboten wird, desto bekannter wird sie, desto mehr Türen stehen uns offen.“