Qualifizierungsoffensive: Am Ball bleiben

Staatssekretärin Leonie Gebers, Bundeministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), erklärt im Interview mit IQ, welche Strategie die Qualifizierungsoffensive verfolgt und welche Wirkung das Qualifizierungschancengesetz erzielen soll.

Neue Herausforderungen, auf die sich die Arbeitsgesellschaft einstellen muss, verlangen neue Strategien. Auf welche Herausforderungen reagiert die Qualifizierungsoffensive des BMAS mit welchem Ziel und mit welchen Mitteln wie beispielsweise dem Qualifizierungschancengesetz?

Leonie Gebers: Die tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt durch Globalisierung, demografischen Wandel und Digitalisierung stellen Arbeitgeber*innen sowie Erwerbstätige vor große Herausforderungen. Die OECD schätzt, dass ca. 12 Prozent der Jobs in Deutschland bereits komplett automatisiert werden könnten; weitere 31 Prozent werden stark verändert werden. Wenn sich Berufsbilder langsamer ändern als die technologische Entwicklung, entscheidet die Qualifikation der Beschäftigten immer stärker über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Um den Wohlstand auch in Zukunft zu sichern, müssen wir dafür sorgen, dass die Beschäftigten von heute auch die Arbeit von morgen machen können. Mit der Qualifizierungsoffensive ermöglichen wir Beschäftigten am Ball zu bleiben. Das Qualifizierungschancengesetz, das am 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist, erleichtert den Zugang zu Weiterbildungsförderung, verbessert die Förderkonditionen und stärkt die Weiterbildungsberatung.

Wie können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine gerechte Chance erhalten, sich die Kompetenzen und Qualifikationen anzueignen, um sich sicher auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bewegen zu können?

Gebers: Das Qualifizierungschancengesetz erschließt bestehende Förderungen für Weiterbildung für ganz neue Zielgruppen. Zukünftig reicht es, dass Beschäftigte Tätigkeiten ausüben, die durch Technologien ersetzt werden können oder in sonstiger Weise vom Strukturwandel betroffen sind. Um in Engpassbranchen den Fachkräftemangel zu bekämpfen, werden Weiterbildungen in diesen Bereich hinein massiv gefördert. Ziel ist, dass die Beschäftigten heute ihre beruflichen Kompetenzen leichter verbessern können, um die Aufgaben der Arbeitswelt von morgen bewältigen zu können. Damit stärken wir die Fachkräftebasis und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft im digitalen Strukturwandel.

Welchen Umfang hat die Förderung?

Gebers: Die Förderung umfasst zukünftig nicht nur die Weiterbildungskosten, sondern auch Zuschüsse zum Arbeitsentgelt, die nach Unternehmensgröße gestaffelt werden. Insgesamt stehen im Jahr 2019 für die Förderung 2,1 Mrd. Euro im Haushalt der Bundesagentur für Arbeit, darunter 1,1 Mrd. für die Weiterbildung Beschäftigter, zur Verfügung. Dazu kommen 1,3 Mrd. Euro für Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung.

Wie kann berufliche Weiterbildung dazu beitragen, Fachkräftereserven zu erschließen?

Gebers: Lebenslanges Lernen und gute Qualifizierung sind wichtige Elemente, um langfristig am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Denn wir wissen, dass uns die Arbeit nicht ausgehen wird, es wird nur andere Arbeitsformen geben. Das Thema Qualifizierung ist für die Fachkräftesicherung von besonderer Bedeutung. Bereits heute sind Geringqualifizierte fünfmal häufiger arbeitslos als beruflich Qualifizierte. Die Arbeitsgesellschaft der Zukunft wird durch die Veränderungen des technologischen und strukturellen Wandels noch stärker als heute eine Wissensgesellschaft sein, die auf Bildung und lebenslanges Lernen aufbaut. Die Förderung der beruflichen Weiterbildung, insbesondere Umschulungen in einen neuen, am Arbeitsmarkt nachgefragten Beruf, gehört daher zu den klassischen Aufgaben der Arbeitsmarktpolitik, um Fachkräfte zu sichern.