Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)"

Pasquale Virginie Rotter, Maria Virginia Gonzalez Romero

3.2 Einblicke: Empowerment als Autonomía verstanden

Der Empowerment-Ansatz begleitet Menschen mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung darin, gemeinsam Handlungsstrategien gegen Diskriminierung und Rassismus zu entwickeln. Das IQ Teilprojekt Abriendo Puertas, MigraNet, verfolgt den in Avia Yala1) als Autonomía bekannten Empowerment-Ansatz, um Multiplikatorinnen und Multiplikatoren – hier Grenzgängerinnen und Grenzgänger genannt – für ihre Beratungsarbeit zu stärken.

Diskriminierung hat unterschiedliche Gesichter und funktioniert multidimensional (intersektional). Die Diskriminierungserfahrungen der Menschen entsprechen dabei der Vielfalt der Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Xenophobie, Homophobie, Transphobie. Dabei werden die „Anderen“ kreiert, markiert, stigmatisiert und leider oft auch gegeneinander ausgespielt. Doch die Geschichten dieser Menschen haben Verbindungen.

Empowerment, das heißt Selbstbestimmung und Selbstermächtigung, hebt diese Gemeinsamkeiten der Perspektiven hervor, ganz unabhängig von der Selbstbezeichnung (Migrantinnen und Migranten, People of Color, Schwarze Deutsche usw.). Empowerment trägt dazu bei, die Trennung zwischen verschiedenen Communities zu überwinden, verbindende Handlungsstrategien gegen Diskriminierung und Rassismus zu entwickeln und Bündnisse zu schließen.

In Avia Yala (Ursprungsbezeichnung des Kuna-Volkes für den heute als „Amerika“ bezeichneten Kontinent vor der Kolonialisierung) ist Empowerment aus unterschiedlichen Epochen und in unterschiedlichen Formen als Autonomía bekannt. Autonomía ist ein Prozess, durch den Menschen ihre spirituellen, politischen, sozialen und ökonomischen Fähigkeiten stärken – und zwar sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. In den 1960er Jahren fanden in vielen Ländern Avia Yalas Befreiungskämpfe für eine gerechtere Gesellschaft unter der strategischen Vision der Lucha Popular statt. Dabei wurde auch eine Vision über Bildung entwickelt, eine Educación Popular. Diese unterscheidet sich dezidiert von dem Konzept der staatlichen, kostenfreien und obligatorischen Bildung.

„Die Educación Popular ist ein Ansatz, der Bildung als einen partizipativen und transformierenden Prozess versteht, in dem das Erlernen und die Wissensaneignung auf der praktischen Erfahrung der Personen und der Gruppen selbst basiert. Ausgehend von der Sensibilisierung und dem Verständnis der Beteiligten gegenüber den Faktoren und Strukturen, die ihr Leben bestimmen, geht es darum, ihnen bei der Entwicklung von Strategien, Fähigkeiten und Techniken zu helfen, die nötig sind, um eine an der Veränderung der Realität orientierte Partizipation zu ermöglichen. (…) Das Hauptziel der Educación Popular besteht darin, an der Konstruktion einer eigeständigen – nicht nur formalen, sondern realen – Demokratie mitzuwirken, in der alle Personen und Bevölkerungsgruppen die tatsächlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten besitzen, an Verhältnissen zu partizipieren, um befreiende soziale Veränderungen zu Gunsten der Entwicklung und einer gerechteren, solidarischeren und kooperativeren Welt anzustoßen, die zudem in größerer Harmonie mit der Natur existiert”

(Eizaguirre 1997).

In diesem partizipativen und transformierenden Bildungsprozess wird das eigene Erleben auf der Grundlage eines pädagogischen Konzepts strukturiert. Ein sehr bekannter Ansatz innerhalb der oben genannten Educación Popular ist die „Pädagogik der Unterdrückten“ – auch „Pädagogik der Befreiung“ genannt. Es geht – anders als bei dem Bildungssystem wie wir es kennen, das auf Wettbewerb,

Maria Virginia Gonzalez Romero

Leiterin des IQ Teilprojekts Abriendo Puertas, VIA Bayern e.V., Migra-Net – IQ Landesnetzwerk Bayern. Soziologin, Kompetenzorientierte Laufbahnberaterin und Trainerin; Interkulturelle Orientierung/Öffnung (IQM) Trainerin; Train-the-Trainer für Social Justice mit Diversity- Ansatz.

Pasquale Virginie Rotter

Erziehungswissenschaftlerin und Moderatorin und seit 2008 bundesweit als Trainerin der politischen Bildungsarbeit tätig. Thematische Schwerpunkte sind dabei Empowerment für Menschen mit rassistischer Diskriminierungserfahrung, Diversity und rassismuskritische Bildungsarbeit. Darüber hinaus forscht und arbeitet sie zur Schnittstelle Körper mit Rassismuserfahrungen und Machtverhältnisse.

In diesem partizipativen und transformierenden Bildungsprozess wird das eigene Erleben auf der Grundlage eines pädagogischen Konzepts strukturiert. Ein sehr bekannter Ansatz innerhalb der oben genannten Educación Popular ist die „Pädagogik der Unterdrückten“ – auch „Pädagogik der Befreiung“ genannt. Es geht – anders als bei dem Bildungssystem wie wir es kennen, das auf Wettbewerb, Distanz und Normierung ausgerichtet ist – um eine Erziehung, die mich ermächtigt, mich einzigartig zu fühlen und auch zu sein.

Ermächtigung und Macht

Empowerment kann nur zu wirklicher Inklusion führen, wenn jene unterschiedlichen Machtformen thematisiert werden, die entwickelt wurden, gerade um Ungleichheit zu fördern – sowohl auf der individuellen als auch der regionalen, nationalen und globalen Ebene. Bedingungen, unter denen Empowerment zu Autonomía führt:

  • Entscheidungen werden partizipativ und kollektiv getroffen.
  • Entscheidungen werden innerhalb von Strukturen getroffen, die von den Beteiligten selbst geschaffen werden.
  • Entscheidungen über die eigene Realität – darüber, die Angst zu verlieren und auf ein konstruktives „Chaos“ zu vertrauen – werden selbst getroffen.
  • Individuelle und kollektive Reflexion.
  • Verschiedene Lebensformen achten einander und respektieren sich gegenseitig.
  • Jede und jeder Einzelne übernimmt Verantwortung für die eigenen Konflikte.
  • Es wird von/für das Leben gelernt und nicht nur für ein Papier, das mir bestätigt, dass ich das Wissen habe.
  • Mich selber weiterzubilden: „Ich bin eine Quelle, die gibt und empfängt.“
  • Autonomie und Selbstvertrauen
  • Meine Mission in diesem Leben zu entdecken (Palomo Sanchez 1999).

Autonomía ist eine zentrale Forderung, ein strategisches Instrument, das die Ausübung des Rechts auf freie Selbstbestimmung ermöglicht.

Weitere Inhalte, die Sie in der PDF finden können:

Migration – Flucht – Europa – Deutschland

Es ist wichtig, Privilegien zu reflektieren

Rückblick: Ein Interview mit Pasquale Virginie Rotter

Ausblicke: Ein Dialog zwischen Teilnehmenden eines Empowerment-Trainings im Rahmen des IQ Projekts Abriendo Puertas am 16. Juni 2016 in München


Anmerkungen

1) Abya Yala ist der Name, den das Kuna-Volk jenem Kontinent gab, auf dem es lebte. Dieser wurde im Zuge der Eroberung, Kolonisierung und Unterdrückung durch die Europäer nach Amerigo Vespucci umbenannt: Amerika. Abya Yala bedeutet: Land in voller Reife, Land des lebensnotwendigen Blutes. Abia Yala wird heute auch als Sammelbegriff für die Utopien der pueblos originarios verstanden. Die Verwendung der Bezeichnung Abya Yala verdeutlicht die Absetzung von der europäischen Bezeichnung Amerika oder „neue Welt“ (Medina Villca o.J.).

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